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Merken   Drucken   18.03.2009, 13:19 Schriftgröße: AAA

Krugman zu EU-Konjunkturpolitik: Zu langsam, zu wenig

Wenn Nobelpreisträger Paul Krugman über die Konjunkturpolitik Europas in der Krise spricht, kann die EU nur verlieren. Protokoll einer Abfertigung. von Matthias Oden
Eine angenehme Aufgabe ist es nicht, die Günter Verheugen an diesem Dienstagvormittag übernommen hat. Der EU-Industriekommissar begleitet den Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman während seines Aufenthalts in Brüssel, und er weiß: Krugman ist nicht zufrieden. Mit Verheugen, mit der EU, mit allem.
Europa tut nicht genug, um der Wirtschaftskrise die Stirn zu bieten - das ist die Botschaft, die der US-Ökonom dieser Tage wie ein Mantra repetiert. Nicht immer schlägt er dabei leise Töne an. Das mag daran liegen, dass er gerade ein neues Buch herausgebracht hat und sich ätzende Kritik immer gut verkaufen lässt. Angenehmer wird die Sache für den Gescholtenen aber deshalb noch lange nicht.
"Europa hat ein wirkliches Problem"
Vor allem in Deutschland kann man davon ein Lied singen: Im Dezember hat Krugman der Bundesregierung "Dummheit" vorgeworfen, weil sie nicht genügend Geld für die Krisenbekämpfung ausgebe. Diese Woche schrieb er in der "New York Times" von "nichtswissenden Schmähreden" des Finanzministers Peer Steinbrück. Und im aktuellen "Stern" bezeichnet er Deutschland als "riesiges Hindernis". Verheugen hätte also gute Gründe, den Moment zu fürchten, an dem der kleine Mann zu seiner Rechten anfängt zu reden.
US-Nobelpreisträger Paul Krugman   US-Nobelpreisträger Paul Krugman
Die ganz fiesen Verbalattacken bleiben dann aber aus. "Europa hat ein wirkliches Problem", ist noch die härteste Formulierung, die Krugman benutzt. Allerdings: In der Sache bleibt er hart, und das läuft auf eine Abfertigung der EU-Konjunkturpolitik hinaus. Tröstlich für die Europäer: Der 56-jährige Volkswirtschaftsprofessor aus Princeton spart auch die USA nicht aus.
Beiderseits des Atlantiks sollten jährlich vier Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) zum Ankurbeln der Wirtschaft verwendet werden. Davon ist die Wirklichkeit noch weit entfernt: Die USA werden dieses Jahr etwa zwei Prozent vom BIP verwenden, Deutschland nur 1,5 Prozent. Krugman lässt auch nicht gelten, dass die EU ihre Leistung auf 200 Mrd. Euro oder 3,3 Prozent vom BIP hochrechnet, indem sie steigende Sozialleistungen und sinkende Steuereinnahmen mit einbezieht. Das reicht ihm alles nicht. Zu wenig, zu langsam, hier wie dort. "Das US-Konjunkturpaket beläuft sich auf 800 Mrd. $ über drei Jahre. Es sollten 1300 Mrd. $ sein, und Europa sollte das gleich machen."
Verheugen bleibt bei so viel Kritik und energischen Ratschlägen nur die beschwichtigende Defensive. "Wir denken, es ist ein bisschen zu früh, sich Urteile zu erlauben", sagt er und spricht von "kleinen Differenzen" zwischen der EU-Linie und seinem Gast.
Dem huscht da ein spöttisches Lächeln übers Gesicht, ungeduldig wippt er auf den Füßen und vermeidet es, Verheugen anzublicken, als der von der Vorreiterrolle Deutschlands in Europa spricht.
So ganz ohne Bonbon für seinen geschundenen Gastgeber ist Krugman dann aber doch nicht angereist. "Es wäre wirklich hilfreich, wenn Brüssel mehr Autorität hätte", sagt er.
Das ist der Augenblick, in dem an diesem Tag auch ein Günter Verheugen lächeln kann.
  • Aus der FTD vom 18.03.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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