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  09.03.2010, 06:00    

Management in Europa: Der Staat ist wieder da

Rettungsmaßnahmen haben vielen Regierungen Pluspunkte bei den Bürgern eingebracht. Der Ruf nach Regulierung wird immer lauter. Experten streiten über das richtige Maß. von Hubert Beyerle
Die Finanzkrise hat viel zerstört: an Vermögen, aber vor allem an Vertrauen. Das Ansehen der Banker ist auf Tiefststände gesunken und das Vertrauen in Markt und Wettbewerb ist lädiert. Dagegen haben Regierungen weltweit mit schnellen Reaktionen verhindert, dass aus der Krise eine Katastrophe wurde, so der allgemeine Konsens. Der Ruf nach mehr Staat ist heute allgegenwärtig.
Was für eine Kehrtwende. Jahrzehnte lang hatte der Staat sich langsam, aber sicher aus der Wirtschaft zurückgezogen. Der Wettbewerb sollte es richten, wo immer er konnte. Der Staat sollte sich selbst wenn möglich an strikte Regeln binden. Das alles scheint vergessen, selbst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos klingen jetzt ganz andere Töne: "Ob wir es wollen oder nicht: Regierungen werden künftig eine größere Rolle in unserem Leben spielen", sagte dort zum Beispiel Indra Nooyi, Chefin des Pepsico-Konzerns.
Und das ist mehr als nur ein Medienhype. "Unsere Analysen zeigen, dass für die informierte Bevölkerung in Deutschland die Wirtschaft an der Krise selbst schuld ist", sagt Cornelia Kunze, Deutschland-Chefin der Beratungsagentur Edelman. "Das Vertrauensdefizit bei Unternehmen und insbesondere Banken ist dramatisch." Das Vertrauen in die Regierung erreicht dagegen mit 43 Prozent Zustimmung einen neuen Höchstwert.
10.000 Unternehmen profitierten vom Deutschlandfonds
Die Regierungen hätten in der Krise Handlungsfähigkeit gezeigt, sagt Kunze. Erstmals seit fast zehn Jahren sei das dem Staat entgegengebrachte Vertrauen größer als das in Unternehmen und Medien. Mehr noch: "69 Prozent der befragten gut informierten Personen sagen, der Staat müsse stärker durchgreifen. Dieser Ruf nach Regulierung ist außergewöhnlich."
Der Staat ist wieder da. In den USA und Europa garantieren Regierungen mit vierstelligen Milliardenbeträgen für Banken und Versicherungen oder haben sich an ihnen gleich selbst beteiligt. Meistens wurde der Staat um Hilfe gerufen, aber nicht immer. So war die Verstaatlichung manchmal nicht ganz freiwillig, etwa bei der deutschen Hypo Real Estate.
Aber nicht nur Banken hat der Staat gerettet: Die US-Regierung wurde Eigentümer der Versicherung AIG und des Autokonzerns General Motors. In Deutschland wurden 10.000 Unternehmen aus dem sogenannten Deutschlandfonds mit Bürgschaften und Krediten geholfen. Ohne den Staat wäre so manche dieser Firmen am Ende.
Staatsmacht gewinnt in der Krise an Zuspruch
Trustbarometer In einer jährlichen Studie untersucht die Beratungsagentur Edelman, wie hoch das Vertrauen von Meinungsführern in die Institutionen ihres Landes ist. In diesem Jahr ist das Misstrauen gegenüber den Banken weltweit dramatisch gestiegen. Nur in Indien und China genießen sie ein hohes Ansehen. Am größten ist das Misstrauen gegenüber den Banken in Deutschland und in Großbritannien.
Deutschland Das Ansehen der Regierung ist dagegen in den meisten Ländern gewachsen, am stärksten in Schweden und den USA. In Deutschland ist das Vertrauen in die Regierung inzwischen größer als das in Wirtschaft und Medien. Die Skepsis gegenüber den Unternehmen ist hierzulande zwar etwas gesunken, aber im Ländervergleich ist sie nach wie vor sehr groß. Nur Franzosen und Iren vertrauen noch weniger in ihre Wirtschaft.
Vertrauen in die Regierung in %   Vertrauen in die Regierung in %
Marktversagen im großen Stil
Die Rettung der Banken wird von Fachleuten begrüßt, sie hat Schlimmeres verhindert. Sofern es Zweifler gegeben hatte, wurden sie durch die Pleite der Bank Lehman Brothers im September 2008 eines Besseren belehrt. Wenige Wochen später haben sich die Staats- und Regierungschefs der acht wichtigsten Staaten denn auch geschworen, in Zukunft wichtige Banken zu retten. Auch wenn diese "Systemrelevanz" für Industriebetriebe nicht gilt: Politisch hat diese Erfahrung viel verändert. Was den Banken gewährt wurde, konnte der Industrie auch nicht abgeschlagen werden, so die politische Logik.
Tatsächlich war während der Krise überall von "Marktversagen" die Rede: Banken war ihre Refinanzierung weggebrochen, das Vertrauen der Sparer schien auf der Kippe. Märkte für strukturierte Wertpapiere waren zeitweise völlig tot, sodass die Papiere nicht mehr bewertet werden konnten. Die Marktliberalen gingen in Deckung. Hinter den staatlichen Hilfsprogrammen steckte ein fundamentaler Zweifel an der Zuverlässigkeit von Marktinformationen. Wie könne man dann noch dem Markt die Zukunft von Massenarbeitgebern wie Opel überlassen? Die Erfahrung, dass der Markt in großem Stile versagen kann, war ein Schock.
Das hatte unmittelbare Folgen - über die Errichtung eines über 115 Mrd. Euro schweren "Deutschlandsfonds" hinaus. So hat die Bundesregierung die über zehn Jahre verfolgte Privatisierung der Bahn, die eigentlich zum Herbst 2008 abgeschlossen werden sollte, vorerst auf Eis gelegt. "Ich wehre mich gegen den Privatisierungswahn", sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer vor wenigen Wochen.

Teil 2: Warum auch der Staat versagte

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