Menschen in China benutzen Computer in einem Internet-Cafe
Die Entwicklung in der modernen Medienlandschaft geht an keinem der existierenden und an keinem der kommenden Medien vorbei: Jedes "massentaugliche" neue Medium wird die bestehende Informations- und Kommunikationskultur verändern. Verändern heißt jedoch nicht zwingend verdrängen. Die neuen Technologien haben bisher dazu geführt, dass die Konsumenten heute viel mehr - oder besser: überhaupt - Möglichkeiten haben, sich entlang ihres Interesses und ihres Bedarfs das ganz eigene Medienangebot zusammenzustellen. War früher von "Massenmedien" die Rede, so kann heute von einer "Masse Medien" gesprochen werden, aus der auszuwählen ist. Und gewählt werden muss, denn jedem Klick, jedem Kauf, jedem Abo, jedem Einschalten, jedem Download geht eine Entscheidung des Nutzers voraus.
Also sind die Nutzer - die Nichtnutzer! - Schuld an der ökonomischen Misere des Verlagswesens? Obacht, denn für das zur Verfügung stehende Angebot sind die Herausgeber, die Veranstalter, die Verlage verantwortlich. So kann der pauschale Abgesang auf eine Gattung wie Print schnell zum Bumerang werden: Laut einer aktuellen repräsentativen Studie der TNS Emnid Medienforschung beklagt ein Viertel der Zeitschriftenleser eine stetig abnehmende Qualität von Artikeln und Beiträgen in den von ihnen genutzten Titeln. Eine hohe Zahl, umgerechnet auf alle Zeitschriftenleser.
Doch Mühen werden auch belohnt: Die Hälfte der Zeitschriftenleser spricht von einer "gleichbleibend hohen Qualität", und elf Prozent registrieren sogar eine stete Verbesserung der Zeitschrifteninhalte. Hier liegt die Chance, sich in einer zunehmend funktional ausdifferenzierten Medienwelt seinen Platz mit hochwertigen Inhalten und ansprechender Ästhetik zu sichern - vielleicht sogar zurückzuerobern. Dem Konsumenten wiederum erleichtert ein attraktives Angebot die Entscheidung, zuzugreifen. Immerhin ist jeder Zweite der Meinung, dass es sicher einen Trend "zurück zur Zeitschrift/Zeitung" geben wird, wenn der Internet-Boom ein bisschen abklingt.
Neue Formate erzeugen neue Bedürfnisse
Zu einfach gedacht? Last not least sprechen einige Print-Launches der vergangenen Zeit für die Vorteile dieser Gattung: So entschied sich Marktführer Microsoft für die Fortführung seines B-to-B-Kundenmagazins im Printformat, um über Online-Werbeformate zu informieren. Der Spiegel brachte seine Online-Rubrik "eines tages" als Magazin in die Presseregale, und vielfach lernt ein User seinen Computer erst verstehen, wenn er dazu in einer - gedruckten - PC-Zeitschrift nachgeschlagen hat. Er kann dabei aus einem reichhaltigen Angebot wählen, denn die Zeitschriften informieren nicht nur allgemein zu Hard- und Softwarethemen, sondern monothematisieren auch eGames, eBay, WebSelling und Google. Nicht zuletzt der Markt des Online-Pokerns sorgt für ein neues und wachsendes Segment im Presseregal. Gemäß der Theorie der Meta-Medien generieren also neue Formate ganz neue Informationsbedürfnisse - wie auch das Fernsehen, das den Verlagen bis heute mit seinem eigenen Segment, den Programmzeitschriften, Millionenauflagen beschert.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Wer heute allein auf ein Printformat setzt, verschließt sich der Realität. Wer aber dem Internet allein die Schuld an zurückgehenden Auflagen gibt, auch.
Was für den Nutzer eine friedliche Co-Existenz verschiedener Formate ist und ihn komfortabel wählen lässt - Zeitschriftenlesen in der Badewanne, Weiterleitung von Artikeln als pdf-Datei via Website, Nachfrage an die Redaktion per E-Mail, gezielte Information durch zur Verfügung gestellte Internet-Links - wird, einmal (kennen)gelernt, schnell zur Selbstverständlichkeit im Umgang mit Medien. Mediennutzungsverhalten ist habitualisiertes Verhalten. Und zugleich das ökonomische Dilemma der Herausgeber. Denn wer heute nicht richtig - vollständig - orchestriert und alle Kanäle bespielt, ist schnell raus aus dem Relevant Set einer Zielgruppe, die an den Inhalten interessiert ist, jedoch gerade einen anderen Kanal gewählt hat. Und dieser Kanal kann immer noch das Zeitschriftenregal im Kiosk sein.
Die Autorin, Claudia Knoblauch, ist Senior Consultant der TNS Emnid Medien- und Sozialforschung GmbH.