In Dinklage war es mit der guten Laune von Dirk Roßmann schlagartig vorbei. Der Geschäftsführende Gesellschafter der gleichnamigen Drogeriekette war durch die Regalreihen der Filiale am Rathausplatz geschlendert, hatte Taschentücher-Stapel zurechtgerückt, an Cremepackungen gezuppelt und im Snackregal nach einer "Bleib gesund"-Fruchtschnitte gegriffen. Abgelaufen!
Noch einen Tag später hält es den 59-Jährigen nicht auf seinem Sitz, als er von dem Fund berichtet. Er fuchtelt mit dem Corpus Delicti herum, dass ihm fast die Lesebrille von der Nase rutscht. Er legt die hohe Stirn in Falten, und die schmalen Lippen zeichnen einen energischen Strich ins hagere Gesicht: "Ich sehe wirklich tolle Läden. Aber bei manchen schäme ich mich, dass mein Name drübersteht."
Europaweit hat Dirk Roßmann 1500 Gelegenheiten, sich zu freuen oder sich zu ärgern. Er lässt keine aus: 20 bis 50 Geschäfte besucht er jede Woche auf seinen berüchtigten Inspektionstouren. Die Routen sind geheim und führen ihn neuerdings in Gegenden, die er früher nie bereist hat: Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz - das waren bis vor zwei Jahren Rossmann-freie Zonen. Es galt die ungeschriebene Regel: Im Norden und Osten macht Dirk Roßmann, die Nummer drei der Branche, seine Geschäfte. Im Süden und im Westen regiert die Nummer zwei, Götz Werner, mit seiner DM-Kette. Nur Anton Schlecker, der Kaiser unter den Drogeriekönigen, tritt seit jeher bundesweit an.
Filialen ins eigene Reich integriert
Dieses Stillhalteabkommen hat Roßmann aufgekündigt, einen Kampf um Marktanteile, Standorte und Kunden angezettelt. In zwei Schritten hat er dem Handelskonzern Tengelmann dessen 370 KD-Filialen abgekauft und ins eigene Reich integriert. Jetzt leuchtet der rote Zentaur im Firmenlogo von Rendsburg bis Rosenheim. Roßmann will partout an seinem Konkurrenten vorbeiziehen. Da fühlt sich auch Werner nicht mehr an den Pakt gebunden und eröffnet seinerseits im Rossmann-Land fleißig neue Geschäfte. "Klar, dass es Konfrontationen gibt", sagt Roßmann. "Wir ärgern ihn in Düsseldorf und München, er ärgert uns im Norden."
Aber was heißt schon ärgern? Wenn Werner auf der Durchreise an der Rossmann-Zentrale in Burgwedel bei Hannover vorbeikommt, fährt er trotzdem kurz von der Autobahn ab, nimmt die zwei Treppen in die Chefetage und tauscht sich im geräumigen Eckbüro mit seinem Konkurrenten aus. "Wir sind nett und freundlich miteinander, wenn wir uns treffen", sagt Roßmann und lächelt.
Konflikte muss man aushalten, wenn man von unten kommt und nach ganz oben will. Roßmann, der neben Werner und Schlecker unter den 300 reichsten Deutschen geführt wird, hat schon schlechtere Zeiten erlebt. Hannover in den 50er Jahren: In der Podbielskistraße 61 besitzt Familie Roßmann eine Drogerie - kaum größer als ein Wohnzimmer. Der Vater ist früh gestorben, hinterm hinterm Tresen steht Mutter Roßmann. Wenn am Ende des Tages 700 DM in der Kasse liegen, ist es ein guter Tag. Was Rasierschaum, Nagellack und Hornhautraspel kosten, bestimmt damals der Staat. Es gilt, wie heute noch bei Büchern, die Preisbindung.