Auf dem Herd in der Wohnküche simmert ein Topf mit Weißwürsten. Dampf legt sich auf das Fenster zum Hof und zu den Ställen. Der Hausherr steht an diesem Morgen neben dem Herd und schneidet Wurst auf; eine Scheibe Bäckchenpresssack, zwei daumendicke Stücke grobe Leberwurst, hauchdünne Scheiben Knochenschinken. Es duftet nach Kräutern, matschigen Wiesen, Meersalz. "Ist das ein Genuss?", fragt Karl Ludwig Schweisfurth. Es ist ein Genuss, und er riecht nach einem guten Geschäft.
Der Lebensmittelhandel klagte 2004 über ein "katastrophales Jahr". Um 1,7 Prozent sind die Einnahmen von Supermärkten und Krämerläden zurückgegangen. Der Umsatz mit Ökolebensmitteln wuchs dagegen um satte zehn Prozent, auf rund 3,5 Mrd. Euro. Die Biobranche ist ein Markt der Zukunft - und Schweisfurth ist ihr Pionier. Mit seinen Herrmannsdorfer Landwerkstätten vor den Bayerischen Alpen macht der ehemalige Chef der Herta-Wurstfabriken vor, wie aus einer Bewegung mit Kraut-und-Rüben-Image ein Wachstumsmarkt werden kann. Durch sorgsamen Umgang mit der Natur erzeugt er ein Premiumprodukt, für das die Leute auch Premiumpreise zahlen.
Ein erfolgreicher Wertschöpfer
Das Erfolgsrezept von Konzernen wie Nestlé hat Schweisfurth auf sein Ökoreich übertragen: Er verband die drei Wertschöpfungsketten - Landwirtschaft, Verarbeitung, Vertrieb - miteinander. In einer Branche, in der Bauern oft nur mit einem Verkaufswagen auf den nächsten Markt fahren, knüpfte Schweisfurth ein Netzwerk aus 60 Höfen in der Region, die ihn beliefern. Ein erfolgreicher Wertschöpfer, diesmal mit seinen eigenen Werten.
Den eigenen Hof, der mit hochintensiver Landwirtschaft betrieben wurde und für die dreiköpfige Vorbesitzerfamilie nicht mehr rentabel war, stellte Schweisfurth auf ökologische Erzeugung um. Der Betriebswirt ließ Bäckerei, Schlachterei, Brauerei errichten und gründete 14 eigene Filialen. Naturkostläden in der ganzen Republik verkaufen seine Ware. In einem Segment, in dem ein Betrieb im Durchschnitt zwei Angestellte hat, wuchs ein Biokonzern mit 120 Mitarbeitern heran. "Schweisfurth ist wichtig für die ökologische Landwirtschaft", sagt Thilo Bode, Gründer der Verbraucherorganisation Foodwatch und ehemaliger Greenpeace-Chef, "weil er sie auf ein industriell-handwerkliches Niveau mit modernster Technologie hebt."
Eine Nasenlänge voraus
Die Familie zieht mit. Wenn der Rewe-Konzern, angelockt von den ungewöhnlichen Zuwachsraten, als erster klassischer Handelskonzern neuerdings eine eigene Kette von Ökomärkten aufbaut, bekommt er es mit Georg Schweisfurth zu tun, einem der beiden Söhne des Patriarchen: Er gründete mit Partnern den Biodiscounter Basic mit Filialen in der ganzen Republik. Es ähnelt dem Märchen vom Hasen und dem Igel: Wo ein Öko-Anbieter meint, die Nase vorn zu haben, ist ein Schweisfurth längst da.
Die vernarbte Bank in der Küche, auf der Schweisfurth gerade sitzt und die Weißwurst pellt, ist quasi zur Beraterbank geworden. Polnische Unternehmer informieren sich, wie sie unabhängig von Lebensmittelkonzernen bleiben, Äbte wollen wissen, wie sie ihr Kloster rentabel und ökologisch führen können. Gerade kam ein Anruf aus Moskau. Ein russischer Unternehmer möchte ein zweites Herrmannsdorf auf dem Land errichten. Schweisfurth, der im Juli 75 Jahre alt wird, ist der Senior Advisor der Wachstumsbranche.
Lob von Künast
Sein Engagement bringt ihm nicht nur Aufträge aus der Wirtschaft, sondern auch die Anerkennung der Politik: "Er ist nicht nur passionierter Ökobauer und verantwortungsvoller Unternehmer", lobt Bundesverbraucherministerin Renate Künast, "er ist Visionär und versteht es, andere zu begeistern." Und überhaupt: "Bei ihm gibt es die beste Weißwurst in ganz Bayern."
Die Wurstpelle liegt inzwischen auf dem Brettchen, der Inhalt ist verspeist. "Mit achtsamem Umgang von Tier und Mensch kann man Geld verdienen", sagt Schweisfurth. Seit vier Jahren schreibt er schwarze Zahlen, in der Welt der kleinen Ökobetriebe ist er mit einem Umsatz von 10 Mio. Euro geradezu ein Gigant.
"Wenn's um die Wurst geht"
Die Maßstäbe haben sich geändert. Schweisfurth wurde zum erfolgreichen Biomanager, weil er einmal der größte Wursthersteller Europas war. Seit dem Zweiten Weltkrieg hungerten die Deutschen nach Fleisch, im Wirtschaftswunder sollten sie es bekommen, von Schweisfurth und seiner Herta-Fabrik. Der Werbespruch der Firma wurde legendär: "Wenn's um die Wurst geht". Schweisfurth gab das Tempo vor, schon damals: führte das Fließband in der Fleischverarbeitung ein. Verpackte als Erster Koteletts in Folie. Kaufte eine Fabrik nach der anderen, bis es zehn an der Zahl waren. Schraubte den Umsatz auf fast 900 Mio. Euro hoch. Wurde der Größte in Deutschland. In Europa. Stand vor seinem Werk - und war entsetzt.
"Ich habe Betriebe gesehen mit 1000 Schweinen in einem Stall, Tiere, die in engen Boxen vegetieren mussten", erzählt Schweisfurth aus dieser vergangenen Zeit. Das Schwein konnte sich gerade mal wenden und hinlegen auf den Spaltboden, wo das Futter maschinell herangebracht und der Kot automatisch weggespült wurde. Der Westfale holt Luft: "Zweifel senkten sich in meine Seele wie Blei."