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Merken   Drucken   05.10.2010, 06:00 Schriftgröße: AAA

Müder Mittelstand: Deutschland verschleißt seine Unternehmer

Die Krise hat in vielen Mittelständlern Zweifel geweckt. Harte Märkte, eine Politik zugunsten großer Konzerne und schwierige Kapitalbeschaffung fordern enormes Stehvermögen. Warum viele am Liebsten aufgeben würden - und andere gar nicht erst anfangen. von Johanna Ritter
Norbert Dietz hat vor Kurzem getan, wovon viele Unternehmer träumen: Er verkaufte seine Firma. 1990 hatte er ein privates Seniorenheim übernommen. 17 Jahre später waren daraus 25 Heime geworden. 80 Mio. Euro setzte Dietz im Jahr um.
Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass über die Hälfte der ...   Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass über die Hälfte der Mittelständler ihr Unternehmen gerne verkaufen würden
"Wegen des starken Wachstums mussten wir ständig über neue Finanzierungsmodelle nachdenken", sagt Dietz. "Das hat Druck gemacht." Als ihm eine französische Pflegeheimkette ein attraktives Übernahmeangebot machte, sagte er fast erleichtert zu. Endlich war er den ewigen Druck los.
Ein Großteil der mittelständischen Unternehmer würde in einer solchen Situation ähnlich entscheiden wie Dietz. Das ergab eine Studie, die die Universität Marburg für den Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) erstellt hat. Demnach gaben 58 Prozent der 2300 befragten Unternehmer an, dass sie ihre Firma für einen angemessenen Preis aufgeben würden. 83 Prozent sagten sogar, sie würden nicht wieder Unternehmer werden.
2007 stellte sich die Lage noch ganz anders dar. Damals hätte nur ein Drittel der Befragten die Entscheidung für die Selbstständigkeit gern rückgängig gemacht. Lediglich 44 Prozent hätten damals verkauft.
"Wenn ein kleines Unternehmen vor der Pleite steht, kommt auch nicht die Bundeskanzlerin"
Offenbar haben viele Mittelständler in den letzten zwei Krisenjahren den Spaß am Unternehmertum verloren. Bürokratie, hohe Steuern und strenge Auflagen im Arbeitsrecht - darüber klagen die kleinen und mittleren Unternehmer seit Jahren. Seit einiger Zeit gibt es zudem Probleme bei der Kapitalbeschaffung. Die rigiden Banken machen laut der BVMW-Studie den Unternehmern am meisten zu schaffen. Die ewigen Geldsorgen verleiden ihnen derzeit das Unternehmerdasein.
Kein Wunder, dass viele Mittelständler die milliardenschweren Kapitalspritzen des Bundes für notleidende Großunternehmen als ungerecht und wettbewerbsverzerrend empfinden. Unternehmer Helmut Peterseim beispielsweise macht das richtig sauer. "Wenn ein kleines Unternehmen vor der Pleite steht, kommt auch nicht die Bundeskanzlerin", wettert der Inhaber von Helmut Peterseim Strickwaren in Thüringen und setzt nach: "In den großen Firmen übernimmt niemand mehr persönliche Verantwortung." Die Ursache dafür ist für ihn eindeutig: "Es haftet ja niemand mehr mit seinem Besitz."
Was Peterseim daran besonders ärgert, ist die verzerrte öffentliche Wahrnehmung. Unternehmer und Manager würden einfach in einen Topf geworfen. "Dass viele aber mit ihrer wirtschaftlichen Existenz, ihrem Privatvermögen voll einstehen, das sieht niemand." Auch die Studie des BVMW bestätigt, dass der Mittelstand unter dem sogenannten Manager-Bashing leidet. Demnach ist das Image von Unternehmern genauso schlecht wie von Managern.
Jugendliche wiederum können gar nichts mit mittelständischem Unternehmertum anfangen. Das ergab eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, die sich die Schulbücher in Nordrhein-Westfalen einmal genauer angeschaut hat. "Die meisten Publikationen setzen Unternehmen pauschal mit Großkonzernen gleich - der unternehmerische Mittelstand existiert schlicht nicht", heißt es in der Studie. Damit wird den Jugendlichen der Blick dafür verstellt, dass sie einmal selbst unternehmerisch aktiv werden können.

Teil 2: Die Angst zu scheitern ist in Deutschland besonders ausgeprägt

  • FTD.de, 05.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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