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  FTD-Serie: Nobelpreis 2007

Für herausragende Leistungen in Wissenschaft, Politik und Literatur werden in dieser Woche in Stockholm die Nobelpreisträger 2007 verkündet. FTD-Online präsentiert alle Hintergründe über die Gewinner und zeigt, welche Deutschen in der Vergangenheit mit den begehrtesten Preisen der Welt dekoriert wurden.

Merken   Drucken   08.10.2007, 21:52 Schriftgröße: AAA

Nobelpreis für Medizin: Für eine Handvoll Mäuse

Ihr Name mutet martialisch an, aber für die medizinische Forschung war die Entwicklung der Knock-out-Maus ein riesiger Fortschritt. Die drei Väter dieses aus Stammzellen gezüchteten Labortiers, Martin Evans, Mario Capecchi und Oliver Smithies, werden mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. von Georg Dahm (Hamburg)
Das gab das Nobelpreiskomitee am Montag in der schwedischen Hauptstadt Stockholm bekannt. Die Knock-out-Mäuse haben der Forschung völlig neue Möglichkeiten eröffnet: Praktisch jedes einzelne ihrer Gene kann gezielt ausgeschaltet oder verändert werden. Zum ersten Mal können Biologen im Experiment überprüfen, wie ein bestimmtes Gen die Entwicklung des Körpers beeinflusst oder ihn für Krankheiten anfällig macht.
Labortier nach Maß   Labortier nach Maß
Um an den Versuchstieren neue Medikamente zu entwickeln, können sie beliebige Krankheiten und Defekte erzeugen - sogar solche, die Mäuse in der Natur gar nicht bekommen können. Als Mausmodell bezeichnen Forscher ein solches Tier, das alle Symptome einer menschlichen Krankheit zeigt. Über 500 Modelle sind bis heute entwickelt worden, unter anderem für Diabetes, Krebs und Arteriosklerose.
Oliver Smithies   Oliver Smithies
"Das hat einen Erdrutsch in der medizinischen Forschung verursacht", sagt Klaus Rajewsky, Genetik-Professor an der US-Universität Harvard und wissenschaftlicher Berater der deutschen Firma Artemis Pharmaceuticals. Das 1998 gegründete Unternehmen stellt solche genetisch maßgeschneiderten Mäuse her. Etwa 300 Stämme werden jedes Jahr an Pharmakonzerne und akademische Forschungseinrichtungen ausgeliefert, schätzt Geschäftsführer Paul Rounding. Die ersten an Mausmodellen entwickelten Medikamente werden bereits klinisch getestet.
Martin Evans   Martin Evans
Erste Züchtung 1989
Die Labortechniken haben sich in den vergangenen Jahren zwar weiterentwickelt, doch auch die neuesten Verfahren beruhen immer noch auf Erkenntnissen, die die drei diesjährigen Preisträger seit 1981 zusammengetragen haben und die 1989 die Züchtung der ersten Knock-out-Mäuse ermöglichten. Den Grundstein hatte der heute 66-jährige Cambridge-Professor Martin Evans gelegt: Ihm gelang zum ersten Mal, embryonale Stammzellen zu isolieren. In weiteren Versuchen konnte er nachweisen, dass sich Stammzellen genetisch verändern lassen - und dass sie in Mausembryos injiziert werden können. Aus den Embryos wachsen Mäuse, die das veränderte Erbgut an ihre Nachkommen weitergeben. Der "Architekt der Stammzellforschung" wurde für seine Verdienste bereits von Königin Elizabeth zum Ritter geschlagen.
Mario Capecchi   Mario Capecchi
Oliver Smithies, 82-jähriger Professor an der Universität von North Carolina wies nach, dass sich genetische Informationen auch gezielt an ganz bestimmte Stellen einschleusen lassen. Der gleiche Durchbruch gelang unabhängig davon Mario Capecchi. Der heute 70-jährige Professor an der Universität von Utah in Salt Lake City trug noch eine Schlüsseltechnik zur Knock-out-Maus bei: In der Regel gelingt es nur bei einer von 1000 Stammzellen, die Erbinformation an der gewünschten Stelle zu verändern. Capecchi erfand ein Verfahren, um die wenigen brauchbaren Zellen herausfischen und sie einem Mausembryo injizieren zu können.

Chronik 2006
Im vergangenen Jahr gewannen die beiden US-Wissenschaftler Andrew Fire und Craig Mello den Medizinnobelpreis. Sie entdeckten das Verfahren der RNA-Interferenz, mit dem sich einzelne Gene ausschalten lassen.
2005 Die australischen Mediziner Barry Marshall und Robin Warren wurden ausgezeichnet, weil sie nachwiesen, dass ein Bakterium die meisten Magengeschwüre verursacht und nicht wie bislang angenommen Stress oder scharfe Speisen.
2004 Die US-amerikanischen Forscher Richard Axel und Linda B. Buck bekamen den Nobelpreis für ihre Forschungen zur Geruchswahrnehmung. Sie beschrieben erstmals, wie Menschen und Tiere Tausende verschiedene Gerüche unterscheiden können.
  • Aus der FTD vom 09.10.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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