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Merken   Drucken   28.02.2007, 15:00 Schriftgröße: AAA

Noch Chefsessel-tauglich?

Wenn es längere Zeit im Unternehmen hakt, greifen viele Unternehmen zum Instrument Management-Audit. Auch bei Fusionen, strategischen Neuausrichtungen oder Akquisitionen lohnt eine systematische Einschätzung der personellen Kompetenzen und Potenziale. von Sabine Meinert (Hamburg)
Alles andere als Ringelpiez mit Anfassen: Management-Audits   Alles andere als Ringelpiez mit Anfassen: Management-Audits
Im Fokus dieses Verfahrens steht eine Analyse, wie der Erfolg gesichert und verstärkt werden kann. Am Ende des Audits soll klar sein, welche Probleme im Unternehmen überhand nehmen und welche Verbesserungsmöglichkeiten sich anbieten. Aber auch, welche wichtigen Erfahrungen es bereits gibt, welche kritischen Erfolgsfaktoren die Arbeit bestimmen und welche spezifischen Leistungen von Team und Führungspersonal erbracht wurden und werden.
Auf den Prüfstand kommen alle Fähigkeiten und Kompetenzen. Dabei wird das Management sowohl als Erfolgs-, als auch als Risikofaktor betrachtet. In der Regel holen sich die Unternehmen externe Berater für ein Management-Audit. In einigen deutschen Konzernen gibt es inzwischen auch die kontinuierliche Auditierung von Führungskräften. Zudem werden Audits vielerorts bei der Auswahl und Förderung von Nachwuchskräften genutzt.
Am beliebtesten: 360-Grad-Audits
In einer Befragung von Führungskräften deutscher Unternehmen fand Waldemar Pelz, Professor für Management und Marketing an der Fachhochschule Gießen-Friedberg, heraus, dass etwa jeder vierte Konzern bei Audits am liebsten auf Interviews zurückgreift. Diese dauern etwa zwei bis drei Stunden und werden häufig kombiniert mit weiteren Interviews, zum Beispiel mit Führungskräften der gleichen Ebene, mit deren Abteilung enge Kooperationen bestehen.
Ähnlich beliebt ist das 360-Grad-Audit. Dabei wird das gesamte Umfeld einer Führungsperson in die Analyse einbezogen, also Kollegen, Vorgesetzte, Mitarbeiter, zum Teil auch Kunden. Jeder beurteilt den zu Auditierenden aus seiner Sicht.
Nicht immer bequem: der Chefsessel, den dauerhaft nur besetzen ...   Nicht immer bequem: der Chefsessel, den dauerhaft nur besetzen kann, wer seine Fähigkeiten nachweist
Kritikern zufolge birgt Letzteres allerdings die Gefahr, dass internes Gemauschel unterstützt wird - frei nach dem Motto: Hilfst Du mir, helf ich Dir beim nächsten Mal bei einem Karriereschritt. Experten halten das 360-Grad-Feedback dennoch für ein hilfreiches Instrument, um auch die Mitarbeitermotivation in einem Unternehmen zu beurteilen. Befinden sich einige Team-Mitglieder bereits in der inneren Kündigung, sollte dies im Audit auffallen.
Der Blick von oben
Weit verbreitet ist auch das so genannte Top-Down-Verfahren (auch 180-Grad-Audit), bei dem Führungskräfte die ihnen direkt unterstellten Mitarbeiter beurteilen. Ebenso kommt das klassische Assessment-Center zum Einsatz. Immerhin 16 Prozent der von Pelz und seinem Team befragten Unternehmen bedienen sich dieses Instruments. Deutlich weniger oft werden Persönlichkeits- und Intelligenztests, Fallstudien, Rollenspiele, Projektaufgaben oder Teilnehmer-Präsentationen eingesetzt.
Untersucht wird neben der Führungskompetenz häufig auch das Vermögen, Konflikte im Team zu lösen, Prozesse voranzutreiben, strategische Entscheidungen herbeizuführen. Im günstigsten Fall erreicht der Auditor bei den Teilnehmern eine bessere Selbstreflexion in Sachen Führung und kann motivieren, mehr für die persönliche Entwicklung zu tun.
Auffällig ist, dass interne Audits bei den Führungskräften deutlich mehr Zufriedenheit hinterlassen als die von externen Beratern durchgeführten Überprüfungen. Für Verunsicherung sorgt der Untersuchung zufolge vor allem, dass die Beteiligten nicht wissen, was mit den Ergebnissen geschieht. Denn Audits werden immer öfter auch zur Legitimierung von Personalmaßnahmen eingesetzt. Deshalb, rät Management-Experte Pelz, muss schon im Vorfeld klar sein, worum es geht: Beförderung, Entledigung, Entwicklung oder Verbesserung der Performance. Doch egal, welches Ziel im Vordergrund steht, ein Audit sollte möglichst keine Verlierer hinterlassen, so Pelz. Ansonsten ist mit einer langfristigen Verbesserung der Führungsleistung und der Unternehmenskultur eher nicht zu rechnen.
Wichtig ist, was folgt
Insgesamt war etwa jeder zweite befragte Manager der Meinung, dass Audits durchaus sinnvoll sind, dass also Qualität und Leistungsfähigkeit der Führungskräfte deutlich verbessert werden können. Vorausgesetzt, die Ergebnisse werden veröffentlicht und es tut sich was - sprich: Es werden Konsequenzen aus den Ergebnissen der Audits gezogen, das erkannte Potenzial der Manager wird künftig besser genutzt.
Die Bedeutung von Audits wird in Zukunft noch zunehmen, darin sind sich Experten und Führungskräfte einig. Da Erfolge in immer kürzerer Zeit erwirtschaftet werden müssen, ist es nötig, die Schritte auf dem Weg dorthin ständig zu optimieren, zu prüfen, ob der zu beurteilende Manager das Unternehmen voranbringen kann. Fehlentscheidungen können sich die Firmen kaum noch leisten, deshalb unterliegt das Management immer häufiger einer ständigen Überprüfung.
Die Expertenbefragung "Anforderungen an Management-Audits" wurde im Rahmen des Forschungsprojektes "Best Practices in Leadership Development" an der Fachhochschule Giessen-Friedberg durchgeführt. Aus einer Stichprobe von rund 60 Unternehmen wurden 26 Führungskräfte für telefonische Interviews herausgefiltert, die sich auf etwa 230 auditierte Führungskräfte pro Unternehmen bezogen.
  • FTD.de, 28.02.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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