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Merken   Drucken   17.02.2005, 11:08 Schriftgröße: AAA

Ökonomie des Glücklichseins: Das größte Glück sitzt oben links

Den vagen Verdacht gibt es schon länger: Wachsende Einkommen führen nicht zwangsläufig dazu, dass die Menschen in einem Land auch zufriedener sind. von Sebastian Dullien und Christoph Priesmeier, Berlin
Tatsächlich äußerten sich Menschen in Umfragen über Jahre hinweg im Schnitt ähnlich zufrieden, obwohl die Wirtschaft wuchs. Nur blieben Zweifel, ob solche Umfragen nicht viel zu unzuverlässig sind - und die Antworten zu subjektiv und kaum vergleichbar. Schützenhilfe bekamen die Volkswirte von Philosophen und Sozialwissenschaftlern.
"Ich habe früher auch von meinem Professor gelernt, Glück könne man nicht messen", sagt der Soziologe Ruut Veenhoven, der heute an der Uni Rotterdam eine Datenbank mit weltweiten Glücksdaten pflegt. "Man hat geglaubt, Glück sei ein kognitives Konzept, bei dem Menschen ihre Situation mit ihren Wertvorstellungen vergleichen." Weil aber diese Wertvorstellungen höchst subjektiv seien, hätte man als Konsequenz eine objektive Glücksmessung ausgeschlossen.
Dank medizinischer und psychologischer Fortschritte habe man inzwischen erkannt, dass diese Ansicht falsch war. "Tatsächlich ist Zufriedenheit ein biologisches Konzept."
Alte Umfragen bekommen mehr Gewicht
Diese Einschätzung teilt auch Gabriel Curio, Leiter der Neurophysiologie an der Berliner Charité. "In Experimenten, in denen Zufriedenheit hervorgerufen wird, gibt es Aktivität in ganz bestimmten Hirnregionen." Diese Erkenntnis sei relativ neu, weil erst mit der modernen Kernspintomografie eine genaue Untersuchung der Durchblutung in verschiedenen Gehirnteilen möglich sei. "Erst seit 1992 sind solche Untersuchungen möglich", sagte Curio.
Für die Glücksforscher unter den Ökonomen ist diese Erkenntnis deshalb wichtig, weil damit alte Umfragen verschiedenster Institutionen zur Zufriedenheit plötzlich mehr Gewicht bekommen haben. "Wir können mit Befragungen ziemlich gut messen, wie zufrieden Menschen sind", so Veenhoven.
Eine wahre Goldgrube für die Glücksforscher ist damit in Deutschland das sozio-ökonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. International renommierte Forscher wie der Schweizer Bruno Frey oder der Nobelpreisträger Daniel Kahneman benutzen die Daten.
Arbeitslosigkeit ist ein großes psychologisches Problem
Seit 1984 wird vom SOEP eine Stichprobe von rund 12.000 Haushalten wiederholt befragt. Dabei fragen die Forscher nicht nur die objektiven Lebensumständen wie Arbeitslosigkeit und Einkommen ab, sondern auch die subjektive Lebenszufriedenheit. So bekommen die Forscher einen Eindruck, wie sich Glücksgefühl und äußere Umstände der Deutschen im Zeitablauf verändert haben. "Weltweit gibt es keine andere Panelbefragung, die schon so lange läuft und neben den objektiven Daten auch die Zufriedenheit erfasst", sagt der SOEP-Leiter Gert Wagner.
"Mit diesen Daten können wir etwa die wirtschaftspolitisch wichtige Frage beantworten, wie sich die Zufriedenheit eines Einzelnen verändert, wenn er arbeitslos wird", sagt Ökonom Wagner. Dabei habe man herausgefunden, dass Arbeitslosigkeit nicht nur ein finanzielles, sondern "ein viel größeres psychologisches Problem" sei. Jene Menschen, die arbeitslos würden, büßten viel mehr Zufriedenheit ein, als solche Menschen, die nur einen entsprechenden Rückgang ihrer Einkommen verkraften müssen.
Forschung am Hirn
Kernspintomografie Mediziner können heute messen, welche Teile des Gehirns wie stark durchblutet sind. Der Befund: Glücksgefühle gehen mit Aktivität in bestimmten Hirnregionen einher. Datenbanken Umfangreiche Datensammlungen verbinden Angaben zu Lebensumständen mit Umfragewerten zu subjektivem Wohlbefinden.
  • FTD, 17.02.2005
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