Bundeskanzler Gerhard Schröder stärkt Steinbrück den Rücken
Mehr Patrizier als Proletarier
Es ist manchmal schon putzig, mit welcher Unbefangenheit der 58-Jährige seine Zuhörer daran erinnert, dass er auch nach 36 Jahren SPD-Mitgliedschaft mehr Patrizier als Proletarier ist. Nach nur zweieinhalb Jahren als Ministerpräsident soll ausgerechnet der Architektensohn aus Hamburg die SPD in der "Herzkammer" NRW vor dem Untergang retten. Vorgänger Wolfgang Clement war 2002 dem Ruf des Kanzlers gefolgt, in Berlin den "Superminister" zu geben.
Doch es gab damals auch Gemunkel, dass er nach dem knappen Wahlsieg im Jahr 2000 auch aus Angst vor der erneuten Herausforderung Landtagswahl gegangen sei. Ende 2002 lag die NRW-CDU von Jürgen Rüttgers bereits klar vor der SPD. Die Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr wollten ihren Landeschef, den gestandenen IG-Metaller Harald Schartau, zum Regierungschef küren. Da dieser aber nicht Mitglied des Landtags war, mussten sie sich mit dem Diplomvolkswirt und Verwaltungsfachmann Steinbrück begnügen - ein Mann mit Fachwissen, aber wenig Stallgeruch. Er hatte sich in den Ministerialbürokratien von Bund und Ländern hochgearbeitet, um 1993 in Kiel und 1998 in Düsseldorf Wirtschaftsminister zu werden.
Logik statt Pathos, Fakten statt Gefühle
"Leute wie Steinbrück sind keine Politiker nach altem Muster", sagt ein Sozialdemokrat, der mit Steinbrück, Clement und deren Vorgänger Johannes Rau zusammengearbeitet hat: "Es muss ja nicht immer gleich Straßenkampf sein - aber ein Joschka Fischer hat es gelernt, Menschen für sich zu gewinnen und sie mitzunehmen. Ich weiß nicht, ob die Nachkommenden das so beherrschen." Als Gerhard Schröder als Juso-Chef Ende der 70er-Jahre den Kapitalismus zähmen wollte, war Steinbrück kleines Licht im Kanzleramt Helmut Schmidts - "eine tolle Sache", sagt der Ministerpräsident noch heute.
Die Autobahn 2 Richtung Herford, zehn Tage vor der Wahl 2005. Die gelben Rapsfelder werfen ein freundliches Licht in die Plüschecke hinten im Pressebus. Steinbrück will über den Wahlkampf reden, wird aber von der glorreichen SPD-Vergangenheit immer wieder eingeholt. Verstehe er sich also nicht als Landesvater, fragt eine TV-Reporterin. "Ich bin keine Kopie des Prototyps Rau", knurrt er.
Logik statt Pathos, Fakten statt Gefühle. So glaubt Steinbrück die Menschen für sich gewinnen zu können: "Politik ist eine ernsthafte Angelegenheit - was nicht bedeutet, dass sie humorlos sein muss." Seine Wahlkampfreden sind frei gesprochene, klar strukturierte Aufzählungen von Argumenten, die er mit Spitzen gegen den Herausforderer oder einer Prise Selbstironie anreichert. Immer wieder verspreche er seiner Frau, alles etwas langsamer vorzutragen. "Dann vergesse ich das aber wieder", sagt er unbekümmert in die Kamera. "Manchmal sind auch zu viele Fakten drin." Dennoch kommen sie an.
Stimmen statt Visionen
Wo sich einst Gelsenkirchener Kumpel nach Schichtende wuschen, wird heute Musik gemacht - und Wahlkampf. Zwischen den eisernen Dachträgern hängen lakenartige Schallfänger, die das Echo in der hohen, langen Gründerzeithalle dämpfen sollen. Mit Klatschen und Johlen bringen die Zuschauer den Geräuschpegel dennoch weit über respektabel - auch wenn der "Schacht Bismarck" am Freitagabend vor dem langen Pfingstwochenende nicht ganz voll ist. Steinbrück steht aufrecht am Rednerpult. Hinter ihm der Schriftzug: "Stärker werden. Menschlich bleiben."
Der Ministerpräsident streicht die Unterschiede zur CDU heraus - kein Ende der Kohlesubvention, keine Studiengebühren, Festhalten an Kündigungsschutz, Tarifautonomie und Mitbestimmung - und erklärt die Notwendigkeit von Gerhard Schröders Reformen. "Es gibt da das ein oder andere, was schwer lastet", sagt er. Doch zu sagen, deshalb sei alles "Schrott" und der Wahlgang überflüssig, sei die falsche Konsequenz: "Wer am 22. Mai so schlau ist, nicht wählen zu gehen, könnte danach feststellen, dass er von Leuten regiert wird, die noch dümmer sind als er." Applaus.
Es geht um Stimmen, nicht um Visionen. Es ist eine konservative Rede, die Politik als Balanceakt zwischen dem Wahren von Errungenschaften und der Reaktion auf Sachzwänge versteht. Motto: Gut, dass es einen Mann gibt, der die Bedeutung des "Preisverfalls an den Weltenergiemärkten" ebenso versteht wie die Probleme der Zusammenlegung von Regierungsbezirken und Landschaftsverbänden.
Image des "kühlen Hanseaten"
Aber weiß er, was es heißt, als "Arbeiter mit 1200 Euro netto" auskommen zu müssen? Steinbrück lacht über das Image des "kühlen Hanseaten". Und dennoch scheint ihn an diesem Tag in Gelsenkirchen der Gedanke umzutreiben, dass er vielleicht nur die Köpfe, nicht aber die Herzen dieser Ur-Sozialdemokraten gewinnt. Er verstellt sich, als er von seinem reparaturbedürftigen Sofa erzählt: "Es riecht schon nach mir", sagt er. "Es hat Brandflecken von meinen Kippen". In Herford hatte er von "Rotweinflecken" und "Zigarillos" geredet. Er gibt sich im Pott schnoddriger als auf dem Land. Der Patrizier sucht noch den Schulterschluss mit dem Volk.
Mit schimmernder Krawatte sieht Frank Baranowski mehr nach Fußballtrainer als nach Oberbürgermeister aus. Steinbrück tut sich vor seinem Auftritt in Gelsenkirchen mit Smalltalk schwer. Der Parteikollege hat Frikadellen mit Kartoffelsalat statt der im Wahlkampf allgegenwärtigen belegten Brötchen gereicht. "Das beste Abendessen, danke", schwärmt Steinbrück auf einmal. Vielleicht kann es ja doch noch etwas werden, Steinbrück und die Partei. "Hätte Frank auf die Stimmen vier Wochen vor der Wahl gehört, hätte er verloren", erzählt er später seinen Zuhörern über den Überraschungssieger der OB-Wahl 2004. "Er hat aber an sich und die SPD geglaubt."
Steinbrücks Weg
Herkunft Peer Steinbrück wuchs in Hamburg auf. Er studierte Volkswirtschaft.
Politik Bis 1986 arbeitete er in mehreren Bundesministerien. Es folgten Ministerposten in Düsseldorf und Kiel.
Zukunft Im Falle einer Niederlage in NRW könnte ihn der Kanzler nach Berlin holen.