Gäbe es einen Schnappschuss von dem Moment, in dem Andreas Kaufmann das erste Mal eine Leica sah, das Bild würde einen jungen Mann mit Jimmy-Hendrix-Frisur zeigen und ein strahlendes blondes Mädchen, Kaufmanns Verlobte. "Schau mal, was ich habe", ruft die Frau aufgeregt. Doch Kaufmann sieht bloß eine Kamera. "Schau genau!" Er schaut auf den kantigen, schwarzen Kasten, auf den roten Punkt mit dem weißen Schriftzug über dem Objektiv. "Das ist eine Leica!", weist sie ihn beleidigt zurecht.
Lange hielt die Verlobung nicht, das Mädchen verschwand bald aus Kaufmanns Leben. Dafür gehört ihm heute Leica - zumindest fast. Seit drei Jahren hält er über seine Beteiligungsfirma ACM Projektentwicklung 96,5 Prozent. Zufrieden ist er damit nicht, er will Leica ganz. Doch daraus wird erst mal nichts, einem Beschluss der Hauptversammlung über die Zwangsabfindung der übrigen Minderheitsaktionäre erteilte das Landgericht Frankfurt diese Woche eine Absage.
Das ist nicht alles. Anfang September sehen sich Kaufmann und Ex-Leica-Vorstandschef Steven Lee vor Gericht wieder. Kaufmann hatte den US-Manager Anfang des Jahres nach nur 15 Monaten vor die Tür gesetzt. Über die Gründe kursieren verschiedene Gerüchte. Lee soll Mitarbeiter beleidigt, Händler und Zulieferer vergrault haben. Vor Gericht will Lee seinen Ruf wiederherstellen - und fordert mehrere Millionen Euro.
Nach dem Rauswurf Lees hat Kaufmann das Management selbst in die Hand genommen. Rechtsstreitigkeiten sind dabei sein kleinstes Problem. Leica steckt in der Krise, Kaufmann treibt die Sanierung voran - schnell, er will nicht lange bleiben. "Ich bin hier, um mich überflüssig zu machen", sagt der 54-Jährige.