Flamenco und Fototechnik
Für diese Herkulesaufgabe musste es wohl ein Amerikaner sein. Der 46-jährige Akhavan, in Teheran geboren und in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, bringt alles mit, was sich die Telekom für diesen Posten wünschen kann: ein Studium der Elektrotechnik und Computerwissenschaft in Kalifornien und am MIT in Boston, das er sich mit dem Unterrichten der Flamenco-Gitarre finanziert hat, Erfahrung bei der US-Weltraumagentur Nasa und eine anhaltende Freude an Technik - seien es Handys oder Digitalkameras. Mit Fotografen kann er stundenlang über neueste Kameramodelle fachsimpeln, über das Bildrauschen der CCD-Sensoren oder die Vignettierung schlecht konstruierter Objektive. Er besitze selbst viel zu viele Apparate, klagt er.
Akhavan, den sogar Skeptiker als sachlich, strukturiert und durchdacht loben, hat sich an der Spitze von T-Mobile gegen den US-Landeschef Robert Dotson durchgesetzt: Einen raubeinigen Amerikaner, der die deutschen Wurzeln und Befindlichkeiten der Telekom nicht kennt, einen, der den Verkauf über alles stellt, bedingungslos Tempo macht und nur wenig Widerspruch duldet - das wäre im Konzern trotz aller Erfolgsziffern der US-Tochter am Ende wohl nur schwer zu vermitteln gewesen. "Gegen Mitarbeiter, die vor dem Firmengelände Flugblätter am Tag der Arbeit verteilten, ließ Dotson die Polizei aufmarschieren", erzählt ein hochrangiger deutscher Manager kopfschüttelnd.
Dann lieber Akhavan. Seit 2001 in Deutschland, seit 2002 im Vorstand von T-Mobile, inzwischen erfahren mit den Besonderheiten deutscher Unternehmenskultur und des hiesigen Arbeitsrechts. Auch wenn er weiterhin mit beidem hadert. "Ich vermisse gelegentlich ein wenig Unternehmergeist und Leistungskultur", sagt Akhavan und knetet seine Hände. Ein heikles Thema im Mutterland der betrieblichen Mitbestimmung.
Es ist das Festhalten der Europäer an Althergebrachtem, das Akhavan immer wieder ermüdet: "Änderungen nehmen die Menschen hier oft sehr reserviert auf, sie wehren sich dagegen, selbst wenn die Situation gar nichts anderes mehr zulässt." Der jüngste Streit um T-Service, die Telekom-Dienstleistungssparte, die mit längeren Arbeitszeiten und niedrigeren Gehältern den Service des Konzerns wieder wettbewerbsfähig machen soll, ist für Akhavan ein typisches Beispiel. Das Arbeitsrecht sei viel zu restriktiv, resümiert der Manager. Sehr zum Schaden der Volkswirtschaft, wie er glaubt: "Das ist einfach ungesund. Weniger strenge Regeln erhöhen auf lange Sicht die Zahl der Beschäftigten, nicht umgekehrt."
Akhavan irritieren Menschen, die ihr Leben in nur einer Firma bleiben, die drei Jahrzente lang den gleichen Job machen. "Regelmäßige Wechsel und neue Herausforderungen sind gut - für Mitarbeiter wie Firmen", sagt er. Er selbst hat in seinem Arbeitsleben bereits für eine Handvoll Firmen gearbeitet, zuletzt als Vorstand für die US-Telefongesellschaft Teligent.
Die Bereitschaft zum Wechsel zu fördern beschleunige auch die Anpassung einer Volkswirtschaft an globale Herausforderungen: weg von sterbenden Branchen hin zu wachsenden, Erfolg versprechenden. "Die Beharrlichkeit in Deutschland, aber auch in Frankreich, steht dem häufig noch entgegen", sagt Akhavan bedauernd. Das Land müsse schneller werden, auch die Telekom: "Manche unserer heutigen Probleme basieren auf dem schleppenden Tempo in den vergangenen Jahren."
Herausforderungen hat Akhavan genug. Etwa Wachstum in den gesättigten Märkten der Industriestaaten herbeizuzaubern, in den Niederlanden etwa, in Österreich oder in Großbritannien. Vor allem dort ist T-Mobile zu Hause. Und die Ausgangslage ist wenig komfortabel: T-Mobile büßte in Deutschland zuletzt Umsatz und Gewinn ein. Wirklich gut läuft das Geschäft nur in den USA - Raubein Dotson sei Dank. Mit der Übernahme des Mobilfunkers Suncom gelang es dem US-Statthalter kürzlich, 1,1 Millionen zusätzliche Kunden im Südosten der USA und in der Karibik hinzuzugewinnen.
Im Inlandsgeschäft will der Mobilfunk-Chef jetzt ebenfalls nachlegen. "Auch in Deutschland ist Wachstum möglich", sagt Akhavan. 80 Prozent der Telefonate würden noch immer über das Festnetz geführt. Er meint: Da könne T-Mobile noch über Jahre wildern. Aber das sagt er so nicht. Er spricht lieber über Technik: "Die Funknetze werden dramatisch schneller. 15 oder 20 Megabit pro Sekunde sind in fünf Jahren üblich, und das Internet wird wirklich mobil sein", prophezeit Akhavan. Nie wieder soll eine begrenzte Datenrate der Flaschenhals sein für neue Anwendungen.
So viel Optimismus weckt anderswo Begehrlichkeiten. Etwa bei Nokia. Die Finnen sind Weltmarktführer bei Handys, nun wollen sie mehr. Zum Beispiel eigene Inhalte anbieten wie Musik und Spiele. Sie dringen in die bisherige Domäne der Netzbetreiber ein und degradieren diese zu "Bitpipes", also zu reinen Datentransporteuren.
Kooperationsrisiko iPhone
Oder
Apple . Nach der Musikbranche, die sie mit dem iPod durcheinandergewirbelt haben, wollen die Amerikaner nun das Handygeschäft mit dem iPhone revolutionieren. Aber nicht auf dem üblichen Weg: Verkaufen darf das schicke Gerät nur, wer Apple am Gesprächsumsatz beteiligt. Es war Akhavan selbst, der die Schleusen geöffnet hat, der sich wochenlang um einen Termin bei Apple-Chef Steve Jobs bemüht hatte, nur um in Deutschland exklusiv das iPhone verkaufen zu dürfen. Nun muss er zehn Prozent der Umsätze abtreten. Manche halten das für clever, manche für brandgefährlich. Der T-Mobile-Chef selbst schweigt dazu.
Macht Akhavan seinen Job gut, dann kann er die Umsatzerosion stoppen und für leichtes Wachstum sorgen. An die dynamische Entwicklung in Asien aber wird er kaum herankommen. Wachstumsraten von 20 oder mehr Prozent, wie sie in China und Indien zurzeit üblich sind, bleiben ein Traum. Dort zu investieren auch: Es fehlt das Geld.
"Netzbetreiber in den Wachstumsmärkten zu kaufen ist teuer. Und ob sich so ein Investment je auszahlt, ist nicht so leicht abzuschätzen", argumentiert Akhavan. Die Telekom werde sich bei der Expansion auf Länder beschränken, in denen sie bereits tätig ist. Wie zuletzt in Österreich mit dem Kauf von Telering oder demnächst in den Niederlanden mit der Übernahme von Orange. Dort wolle sie zu Konsolidierung beitragen - und so wieder für auskömmliche Margen sorgen.
Viel Zeit bleibt Akhavan nicht. Die Geduld der Finanzmärkte, vor allem aber der Bundesregierung, die noch immer etwa 30 Prozent der T-Aktien hält, ist endlich. Finanzminister Peer Steinbrück würde den Anteil lieber heute als morgen verkaufen. Aber zu einem ordentlichen Preis, nicht zu dem lächerlichen Kurs von weniger als 14 Euro, zu dem die Telekom-Papiere derzeit notieren.
So ist sich der Manager auch keineswegs sicher, was er in fünf Jahren tun wird. "Im
Telekom -Vorstand sitzen? Vielleicht. Ganz sicher aber: etwas Kreatives machen, in der Telekommunikation", vermutet er. Und womöglich Deutsch lernen.