Kazuo Inamori machte aus dem Kleinbetrieb Kyocera einen der größten Konzerne Japans
Lernen mit der "Kyocera-Bibel"Inamoris zentrale Idee ist, "allen Angestellten materiellen und intellektuellen Fortschritt zu ermöglichen", wie es etwas gespreizt in der Konzernsprache heißt. Bei Kyocera gibt es kaum verkrustete Strukturen. Wer Leistung bringt, kommt schnell nach oben, egal ob er 18 oder 61 Jahre alt ist. Sämtliche Mitarbeiter erhalten neben ihrem Grundgehalt einen leistungsabhängigen Bonus. In den japanischen Niederlassungen gibt es Bibliotheken, die auch während der Arbeitszeit genutzt werden dürfen. Von klassischer Literatur bis zu philosophischen Texten reicht das Spektrum. Sollte das Studium einmal länger dauern, können die Mitarbeiter sogar in extra dafür eingerichteten Zimmern übernachten.
Während die Nutzung der Bücherei freiwillig ist, wird die Teilnahme an den sogenannten Inamori-Philosophiestunden erwartet. Mehrmals pro Woche treffen sich weltweit Mitarbeitergruppen noch vor Arbeitsbeginn, um die Inhalte eines kleinen blauen Taschenbuchs zu besprechen - Inamoris wichtigste Grundsätze. Jeder Mitarbeiter trägt das Büchlein wie eine Bibel stets bei sich. Darin geht es um konventionelle Managementtechniken wie Motivationsübungen, aber auch um exotische Themen wie das Jagdverhalten von Schimpansen. Reicht die Diskussionszeit am Morgen nicht, so treffen sich Mitarbeiter oft nochmals nach der Arbeit.
Für den früheren Konzernchef ist dieses Engagement selbstverständlich. Seine eigene Karriere habe schließlich auch einigen Einsatz erfordert: Inamori wächst im südjapanischen Kagoshima auf, wo seine Familie eine kleine Druckerei betreibt. Die Firma wird bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört, Inamori stirbt wenig später fast an Tuberkulose. Während sein älterer Bruder und seine jüngere Schwester die Schule verlassen, um mit ihrer Arbeit zum Überleben der Familie beizutragen, darf der junge Kazuo die Universität besuchen. Die renommierten Hochschulen lehnen ihn ab, also studiert er Chemie in seiner Heimatstadt. Die Ölfirmen, bei denen er sich anschließend bewirbt, wollen ihn wegen seines zweitklassigen Abschlusses nicht einstellen. Eine Empfehlung seines Professors verschafft ihm schließlich den Einstieg bei einer kleinen Isolierstoff-Firma. "Die Zeit war hart, der Lebensstandard gering. Ich musste mich mit dem wenigen zufriedengeben, das ich hatte", erzählt Inamori.
Diese Erfahrung prägt den Milliardär noch heute. Jay Andrew Smith, ein früherer Kyocera-Manager in den USA, verfehlte Inamori einmal am Flughafen in Los Angeles, weil er seinen Chef am Ausgang für Fluggäste der First Class erwartete. "Irgendwann rief er mich an und fragte, wo ich denn sei", erinnert sich der heutige Managementprofessor. Die beiden hatten sich verfehlt, Inamori war mit einer Billigfluglinie angereist. Ähnlich sparsam ist der Japaner, wenn es um seine Kleidung geht. Als ein Mitarbeiter der Pressestelle ein aktuelles Foto von Inamori betrachtete, kam ihm etwas darauf bekannt vor. Im Archiv fand er ein Bild des Unternehmers aus den 60er-Jahren. Der Abgebildete war deutlich jünger - der grau melierte Strickpullover jedoch derselbe wie auf dem neuen Foto.
Nach seinem Ausstieg bei Kyocera legte der bekennende Buddhist für eine Zeit lang den Pullover ab, schor sich die Haare und zog unter dem Namen Daiwa in den Myoshinji-Tempel in Kioto ein. "Ich hatte noch geschätzte 20 Jahre zu leben und fragte mich, wofür? Erfolge im Geschäftsleben zählen nun einmal nicht nach dem Tod", sagt Inamori. Mit Glatze und in Strohsandalen und eine braune Kutte gekleidet widmete er sich fortan im Rinsai-Shu-Orden der "Schönheit seiner Seele", wie er es ausdrückt. "Sei nett zu den Menschen", lautet seither die Devise des Managermönchs.
Dieses Credo spiegelt sich auch in Inamoris privatem Engagement. 1984 gründete er aus seinem Privatvermögen die Inamori Foundation, die jährlich den mit 500.000 $ dotierten Kioto-Preis vergibt. Zu den Preisträgern gehören neben zahlreichen Wissenschaftlern der US-Künstler Nam June Paik, der britische Philosoph Karl Raimund Popper und der japanische Modeschöpfer Issey Miyake. Zuletzt erhielt die deutsche Choreografin Pina Bausch die Auszeichnung.
Mehrere Hundert amerikanische High-School-Schüler sind auf Kosten der Stiftung nach Japan und China gereist. Zudem sponsert sie mehrere Lehrstühle - unter anderem am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und an der University of Washington.