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Merken   Drucken   30.10.2008, 19:15 Schriftgröße: AAA

Porträt: Martin Herrenknecht - Das große Graben

Das Startkapital lieh sich Martin Herrenknecht von seiner Mutter. Heute graben seine Maschinen die größten Tunnel in aller Welt. Er ist wie die Bohrer, die er konstruiert: Zielstrebig und stur - besonders wenn er Widerstand spürt. von Benno Stieber (Allmannsweiher)
Erst ist es nur ein fernes Grollen, dann beginnt der Boden zu vibrieren. Es kreischt und rumort, langsam kommt der Bohrer auf Betriebstemperatur. Martin Herrenknecht steht breitbeinig auf dem bebenden Ungetüm, das sich . Links zwei Arbeiter, die Metallbolzen in den Fels dreschen. Dann setzt sich das Ungetüm langsam in Bewegung. Zentimeter für Zentimeter ins Gotthard-Massiv hineinfrisst. Er trägt Helm und neonfarbenen Overall. Unter seinen Füßen transportiert ein Förderband Gesteinsbrocken nach draußen. Herrenknecht steht da und strahlt wie ein Kind.
Die Schweiz perforiert das Gotthard-Massiv für eine schnelle Bahnverbindung von Zürich nach Mailand. Der längste Tunnel der Welt, 57 Kilometer durch Schiefer, Gneis und Granit soll Ende 2017 fertig werden. "Das hier ist die Formel 1 des Tunnelbauens", sagt Herrenknecht mit Stolz, als der Lärm nachlässt. Sein alemannischer Dialekt kratzt dabei im Rachen wie die Bohrköpfe am Gestein. Selten, sagt er, sei die Geologie so kompliziert wie hier. Genau das Richtige für seine Maschinen. Dann drückt er dem Schichtführer 50 Euro für die Kaffeekasse in die Hand und trägt seine Gummistiefel zum Auto.
Martin Herrenknecht auf der Baustelle des Gotthardtunnels   Martin Herrenknecht auf der Baustelle des Gotthardtunnels
Formel 1 - da muss Herrenknecht natürlich dabei sein. Inzwischen spielt er überall auf der Welt mit. Seine Maschinen bohren Kanäle für die Wasserversorgung in Istanbul, die Metro im chinesischen Guangzhou, Straßentunnel in Kuala Lumpur, Brisbane und Madrid. Für die vierte Röhre des Elbtunnels in Hamburg baute er "Trude", die damals größte Bohrmaschine der Welt. Doch Trude war nicht lange die Dickste. Für einen U-Bahn-Tunnel in Sankt Petersburg entwickelte Herrenknecht einen Bohrer mit 19 Metern Durchmesser. Wieder Weltrekord. Der Erfolg Herrenknechts lässt sich nicht nur nach Durchmessern bemessen. Auch der Umsatz dürfte in diesem Jahr erstmals die Milliardengrenze überschreiten.
Der Tunnelweltmeister hat seinen Sitz drei Autobahnstunden vom Gotthard entfernt im badischen Dörfchen Allmannsweiher. Von Ferne schon leuchtet der grüne Markenschriftzug auf dem Lastenkran. In die Zentrale führt eine Tunnelröhre, die als Portal dient. Auf dem Gelände riecht es nach Hydrauliköl und frischen Schweißnähten. Wie im Trockendock liegen hier die Bohrsysteme in allen Größen, maßgefertigt für jede Baustelle. Meist bekommen sie Mädchennamen, häufig die der Ehefrauen der Bauherren.
Big Jim war der Anfang
In Allmannsweiher ist Herrenknecht ein Regionalfürst. Er ist mit seinen 1800 Angestellten bei Weitem der größte Arbeitgeber am Ort, seine Gewerbesteuer bestreitet zwei Drittel des Gemeindehaushalts. Herrenknecht wohnt direkt neben dem Werk. Sein silberner Mercedes hat das Kennzeichen 01 und ist mit seinen Initialen geschmückt. Herrenknecht sponsert das Gymnasium im benachbarten Lahr und bezahlt eine halbe Pfarrstelle, weil sie sonst von der Kirche gestrichen worden wäre. Allerdings zu seinen Bedingungen: Der Pfarrer musste unter 50 sein und sich stark um die Jugendarbeit kümmern. "Des isch normal", sagt Herrenknecht knapp. Eigentum verpflichtet eben.
Als junger Ingenieur hatte Herrenknecht beim Bau des Schweizer Seelisbergtunnel das erste Mal mit einem Tunnelbohrer zu tun. Er erkannte, dass diese Technik schneller und sicherer war als jedes Sprengverfahren.
Big Jim hieß das Gerät. Es hatte allerdings einige Kinderkrankheiten - oder wie Herrenknecht sagt: "Wir hatten Probleme wie die Sau." Big Jim hat Herrenknecht aber auf seine Idee gebracht.

Teil 2: Vom Anfänger zum zielstrebigen Fuchs

  • Aus der FTD vom 31.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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