In die Fußstapfen eines solch übermächtigen Patriarchen zu treten ist undankbar. Van Hüllen aber ist seit fast 20 Jahren daran gewöhnt, unter Großmann zu arbeiten: "Herr Großmann ist der Gesellschafter, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Das ist so."
1988 begegneten sie sich das erste Mal. Die Georgsmarienhütte gehörte noch zum trudelnden Duisburger Klöckner-Konzern. Gerade war der gesamte Vorstand nach Hause geschickt worden. Es herrschte Ratlosigkeit. "Die Georgsmarienhütte war damals ein ziemlich maroder Schrotthaufen", sagt van Hüllen.
Charme allein reichte nicht
Der damals 38-Jährige hatte zu diesem Zeitpunkt eine interessante, perspektivenreiche Position als Betriebschef bei einer anderen Klöckner-Tochter, den Mannstaedt-Werken in Troisdorf bei Köln. "Ich wäre gern da geblieben, wo ich war, weil wir da auch noch viele Messer im Schwein stecken hatten." Er wusste genau, wann sein damaliger Chef aufhören würde. "Und ich habe gern im Rheinland gelebt", sagt der gebürtige Krefelder rückblickend, und es schwingt immer noch ein wenig Wehmut mit. Doch seine Vorgesetzten hatten anderes mit ihm vor. Van Hüllen fügte sich: "Da habe ich mal besser nicht mit Nein geantwortet."
In dieser Situation traf er auf Großmann. Der war noch Werksvorstand und lud ihn zum Grünkohlessen ein. Danach hatte er van Hüllen auf seiner Seite. "Er hat das gemacht, was er hervorragend kann, nämlich seinen Charme eingesetzt - so wie er damit auch später die ganze Hütte gerettet hat", erzählt van Hüllen.
Charme allein konnte der Georgsmarienhütte 1993 allerdings nicht helfen. Das 1856 gegründete Werk, das zu den Klöckner-Werken gehörte, schrieb katastrophale Verluste und hatte riesige Schulden angehäuft. Allein 12 bis 13 Prozent des Jahresumsatzes mussten für den Kapitaldienst aufgewendet werden. Überall haperte es: Die Technik war veraltet, das Management überfordert. Auch der Abbau von 4400 Arbeitsplätzen binnen 15 Jahren brachte nicht den Durchbruch. Im Gegenteil: Die verbliebenen gut 2000 Arbeiter schafften es nicht, eine reibungslose Produktion aufrechtzuerhalten. Schließlich musste die Hütte Vergleich anmelden.