Clifford Larsen, Professor für Rechtsvergleichung an der Bucerius Law School in Hamburg, kennt das Vorurteil vom Wildwestgebaren der Amerikaner - und bestätigt es teilweise. "Die Unternehmenskultur in den USA ist individualistischer geprägt, der Einzelne muss sich stärker durchsetzen." In Deutschland dagegen sei die freie Entfaltung stärker von gesellschaftlichen Konventionen begrenzt. Die Deutschen stünden aufgrund ihrer Diktaturerfahrungen anonymen Hinweisen sehr reserviert gegenüber.
In den USA sind Whistleblowing-Hotlines dagegen schon Teil der Popcorn-Kultur geworden - was Larsen mit dem 80er-Jahre-Film "Wall Street" illustriert: Der junge Broker Bud Fox eifert seinem großen Vorbild, Investor Gordon Gekko nach, bis er im Büro wegen Insiderhandels verhaftet wird - nach einem anonymen Hinweis. In einer langen Sequenz wird er abgeführt, vorbei an seinen Kollegen, die betreten zu Boden blicken. "Täter stehen in den USA allein da", sagt Larsen. "Amerikaner verlangen von ihren Wirtschaftsbossen, Vorbilder zu sein."
Weitere Unterschiede
Der Jurist sieht weitere Unterschiede: "Deutschland ist eine Expertenkultur. Jedes Problem soll von Fachleuten gelöst werden." Die USA beschreibt Larsen dagegen als "Teilnahmekultur". Der Durchschnittsamerikaner Joe Public packe Probleme lieber selbst an, auch im Büro - freundlich unterstützt von der Zeitschrift "Informant", die interessierten Bürgern dreimal jährlich Tipps zum investigativen Vorgehen gegen dunkle Machenschaften gibt.
Auch die Freiburger Anwältin Astrid Breinlinger, seit vier Jahren für die Tochterfirma eines amerikanischen Konzerns für anonyme Beschwerden zuständig, sieht große Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Unternehmenskultur: "Hierzulande findet eine Anpassung nur statt, wo sie Pflicht ist. Dann erfolgt sie allerdings meist unproblematisch und lautlos." Trotzdem blieben deutsche Arbeitnehmer reserviert: "Viele trauen der zugesicherten Anonymität nicht und wissen mehr, als sie sagen. Trotzdem halten sie aus Angst um ihren Job den Mund."