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Merken   Drucken   06.09.2006, 14:00 Schriftgröße: AAA

Recht & Steuern: Gesucht: Smart und leidensfähig

Erstmals seit dem Boom der New Economy machen die Kanzleien wieder Geld locker, um junge Talente an sich zu binden. Die erwartet viel Arbeit - ohne Aussicht auf Karriere. von Monja Peterdamm
Wer früh morgens in die Agentur für Arbeit, Abteilung Akademiker geht, trifft dort Menschen, die hoch qualifiziert sind - und schwer vermittelbar. Im Minutentakt werden sie mit Doktortiteln aus der Reihe zitiert, um dann ihrem Vermittler über die "Eigenbemühungen" bei der Jobsuche Bericht zu erstatten.
Frisch gebackene Volljuristen findet man hier nicht. Den Gang zur Arbeitsagentur können sich die Hochqualifizierten unter ihnen sparen. Die Kanzleien werben sie schon vor den Justizprüfungsämtern ab, wenn sie gerade ihr zweites Staatsexamen abgelegt haben.
Der Bedarf an angestellten Junganwälten, so genannten Associates, ist in den Wirtschaftskanzleien stets hoch. Wenn die Konjunktur brummt und der Markt auch für die Sozietäten gut läuft, löst das in schöner Regelmäßigkeit einen Gehaltskrieg unter den Sozietäten aus. Gerade ist es wieder soweit.
"War for Talents"
"Im Bankrecht und Immobilienwirtschaftsrecht können wir derzeit gar nicht genügend Anwälte bekommen", sagt Thorsten Ashoff, Personalmanager bei der internationalen Kanzlei Lovells. "Um den Bedarf zu decken, werden Bewerbern diese alternativen Einsatzmöglichkeiten aufgezeigt", so der Personaler. Auch in den Bereichen M&A und Private Equity tobt unter den Kanzleien der "War for Talents", wie Ed Michael, der US-Direktor von McKinsey, das Werben um die Jungen und Hochqualifizierten einmal nannte.
Erstmals seit dem New-Economy-Boom vor sechs Jahren balgen sich die Kanzleien wieder um die Besten. Damals sorgten Gehaltserhöhungen amerikanischer Sozietäten dafür, dass auch die europäischen Kanzleien nachzogen, um den Wettlauf nicht zu verlieren. Dieses Jahr läuft es ähnlich. Unter dem Druck der US-Kanzleien, die sich mit Spitzengehältern auf dem europäischen Markt profilieren wollen, wurden im Frühjahr Gehaltsrunden in London eingeläutet, die auch die deutschen Großkanzleien nicht unberührt ließen: Gerade als die Engländer das Salär ihrer Associates erhöht hatten, zog die deutsche Traditionskanzlei Hengeler Mueller mit und setzte sich damit bei der Entlohnung in Deutschland an die Spitze.
Einstiegsgehälter von 90.000 Euro im Jahr
Hengeler zahlt seinen Associates, wenn sie den englischen Titel des Master of Laws (LL.M.) erworben haben, nunmehr ein Einstiegsgehalt von 90.000 Euro im Jahr. Ohne LL.M. sind es 80.000 Euro. Es folgt eine stete Erhöhung bis in das fünfte Junganwaltsjahr, in dem das Salär dann auf 150.000 Euro angewachsen ist. Trotz des zeitlichen Zusammenhangs verneint Hengeler jegliche Verbindung zu der Gehaltswelle in den USA. "Grund für die Erhöhung war nicht eine Teilnahme an der Olympiade der Gehälter, sondern vielmehr eine Honorierung der fantastischen Arbeit unserer Associates", sagt Rainer Krause, Hengeler-Partner in Düsseldorf.
Ebenso die Konkurrenz. "Da sich der Markt in den letzten sechs Monaten so verändert hat, haben wir ebenfalls angehoben", sagt Joachim Schrey, Recruitment-Partner bei Clifford Chance. In diesem Monat wurde beschlossen, das Einstiegsgehalt um 10.000 Euro auf 90.000 Euro zu erhöhen - unabhängig von erworbenen Titeln. Der Bonus, der am Ende des Geschäftsjahrs verteilt wird, hänge hingegen von besonderen Leistungen wie Veröffentlichungen, Recruitment-Engagement oder Vorträgen ab, sagt Schrey. "Die, die sich mehr reinhängen, bekommen mehr Bonus."
Gehälter sind Spiegelbild der Arbeitsbelastung
Dass sie mit der Gehaltsrally auf den Druck der US-Kanzleien reagieren, weisen die Sozietäten weit von sich. Offiziell ist es der wirtschaftliche Erfolg, der sie bei den Gehältern spendabler macht. Konsequent zu Ende gedacht müsste das allerdings bedeuten, alle Angestellten an der gewachsenen Profitabilität zu beteiligen. Doch Assistenten und wissenschaftliche Mitarbeiter sind bei den bisherigen Gehaltsrunden leer ausgegangen. Angehoben wurden nur die Anwaltssaläre.
Die hohen Einstiegsgehälter haben auch eine Kehrseite: Sie sind Spiegelbild der Arbeitsbelastung. Die Kanzleien erwarten eine 60-Stunden-Woche von ihren Associates. Wer um acht Uhr abends geht, wird schon mal gefragt, ob er einen Halbtagsjob habe. Zudem vergoldet das Gehalt die mangelnde Aussicht, in der Kanzleihierarchie nennenswert aufzusteigen. Der von den US-amerikanischen Kanzleien ausgehende Profitabilitätsdruck sorgt dafür, dass immer weniger Anwälte zu Miteigentümern ernannt werden. "Früher sind die Juristen mit der sicheren Erwartung in die Kanzlei gegangen, Partner zu werden. Heute wissen sie, dass das nur noch wenige werden können", sagt Joachim Schrey. Weil ihnen die Kanzlei zum Teil eben auch gehört, sind Partner am Gewinn beteiligt. Was auch bedeutet, dass zu viele hoch bezahlte Partner der Profitabilität schaden - und der Job als Associate schnell in einer Sackgasse münden kann.
  • FTD.de, 06.09.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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