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Merken   Drucken   23.10.2007, 09:34 Schriftgröße: AAA

Recht + Steuern: Spontitreff für Rechtsanwälte

Konferenzen müssen nicht unbedingt steif und langweilig sein. Die Veranstalter von Camps zeigen, wie man auch ohne Tages- und Kleiderordnung in lockerer Atmosphäre voneinander lernen kann. von Constantin Gillies (Köln) und Nico Pointner (Hamburg)
Der junge Mann am Rednerpult fackelt nicht lange. "Hallo, mein Name ist Thomas Schwenke und ich bin Rechtsanwalt", stellt er sich vor. Dann beginnt er sofort mit seinem Vortrag: "Also, das Problem bei der Haftung ..." Recht für Betreiber von Internetseiten lautet sein Thema. Der 32-Jährige im lässigen schwarzen T-Shirt trägt so locker vor, als erzähle er von einer Party. Er duzt die Zuhörer, spricht ohne Manuskript oder Powerpoint-Folien. Auf solche Unterlagen könnte er auch gar nicht zurückgreifen, schließlich hat er erst vor wenigen Minuten erfahren, dass er diesen Vortrag halten wird.
Gut vernetzt: Die Teilnehmer eines Barcamps in Köln informieren ...   Gut vernetzt: Die Teilnehmer eines Barcamps in Köln informieren sich über rechtliche Fallstricke beim Betreiben von Internetseiten
Aber Anwalt Schwenke ist nicht etwa kurzfristig für einen kranken Kollegen eingesprungen. Nein, Spontanität gehört hier zum Konzept: Camps heißen diese neuen Veranstaltungsformate. Mit klassischen Konferenzen haben sie nicht mehr viel gemein: Keine Folienschlachten im Halbdunkel, keine eigenwerbenden Referenten, keine Agenda.
Die Themen bestimmen die Teilnehmer selbst, jeder kann auch Referent sein. Wer meint, über ein interessantes Thema berichten zu können, schreibt einfach drei Stichworte auf, die vorab im Internet veröffentlicht werden. Zu Beginn der Veranstaltung stimmen die Teilnehmer dann darüber ab, welche der sogenannten Sessions stattfinden werden.
"Klingt chaotisch, funktioniert aber überraschend gut"
"Das klingt chaotisch, funktioniert aber überraschend gut", sagt Franz Patzig. Er veranstaltet sogenannte Barcamps in Köln. Diese "Unkonferenzen" sind eine Weiterentwicklung des World-Wide-Web-Gedankens: Menschen sollen sich in einer offenen Umgebung austauschen und voneinander lernen können. Bislang finden sich die Anhänger dieser Veranstaltungen vor allem in der Internetgemeinde und der Bloggerszene. In den USA, dem Ursprungsland der Bewegung, entdecken inzwischen auch andere Kreise die Spontitreffs: Dort gibt es bereits Artcamps, auf denen sich Kunstinteressierte austauschen, Weincamps für Weinliebhaber und Lawcamps für Juristen.
Idee der Unkonferenz
Aufgelockert Seit 2005 treffen sich Wissenshungrige in Barcamps, um ganz ohne Regeln zu lernen und zu lehren. Dabei zählt weder Tages- noch Kleiderordnung, sondern das Mitmachen. Die Camper gestalten den Tagesablauf selbst: Jeder bietet spontane Kurzvorträge an.
Ausgebreitet Auf den ersten Barcamps tauschten sich kalifornische Internetblogger über Computertechnik aus. 2006 wurden weltweit bereits 87 Camps zu verschiedenen Themen abgehalten. In den USA sind beispielsweise Lawcamps für Anwälte auf dem Vormarsch.
Solche Rechtscamps würde Schwenke auch für Deutschland spannend finden. Denn das Interesse an Rechtsthemen ist groß. Im Internet gibt es beispielsweise eine Reihe von Foren, in denen sich rechtliche Laien austauschen. Teilweise melden sich auch Anwälte in den Blogs zu Wort.
Auf den Camps in Deutschland sind jedoch Anwälte noch Exoten: In Köln fanden sich unter den 250 Teilnehmern lediglich zwei. Schwenke hat als Experte für Internetrecht den Zugang gefunden. Dabei sind die Chancen, dort neue Mandanten zu gewinnen, gar nicht schlecht. "Die persönliche Schiene ermöglicht viele neue Kontakte", sagt der Anwalt. "Normalerweise bekommt man nach einem Vortrag 20 Visitenkarten - und nichts passiert." Nach seinem Referat in Köln steht er dagegen noch immer mit 25 Teilnehmern in Kontakt - drei sind inzwischen Mandanten geworden.

Teil 2: Warum professionelle Konferenzveranstalter auf die jungen Wilden der Szene aufmerksam geworden sind

  • Aus der FTD vom 23.10.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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