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Merken   Drucken   29.01.2009, 19:04 Schriftgröße: AAA

Restrukturierer (3): Juristen für den Verhandlungsmarathon

Deutschland droht eine Pleitewelle. Eine kleine Gruppe von Sanierungsexperten muss nun zeigen, was sie draufhat. Die FTD stellt die wichtigsten Akteure in fünf Teilen vor. Heute: die Anwälte. von Sven Clausen (Frankfurt)
Wenn die Banker die Besitzer anbrüllen, gefälligst frisches Geld zur Verfügung zu stellen, sind sie es meist, die für Klarheit sorgen. Die Sanierungsanwälte sind dann schon in die Hunderte Seiten langen Kreditverträge eingetaucht und können erklären, was droht, wenn es zum Äußersten kommt: der Insolvenz. Sie wissen, welche Gläubiger sich auf einen besonders hohen Verlust einstellen müssen und welche Chancen es bei einem Verkauf der Firma aus der Insolvenz gibt. Die Zahl der wirklichen Experten ist überschaubar. "Im Grunde treffen sich bei den Fällen immer dieselben Spezialisten", sagt Frank Grell von Latham & Watkins. Neben seiner Truppe sind auch Nörr Stiefenhofer Lutz, Clifford Chance, Freshfields sowie das Team von Allen & Overy recht aktiv. Er berät etwa die Gläubigerbanken des zerfallenden Merckle-Imperiums.
Weil die Banken ihre Firmenkredite oft mehrfach weiterverkauft haben, muss häufig eine unüberschaubar große Zahl von Gläubigern zustimmen - von denen vielen wiederum das Schicksal der Unternehmen ziemlich egal ist. Man verhandle dann oft "in Dutzenden Telefonkonferenzen über 180.000 Punkte" so lange, bis eine Insolvenz nicht mehr abzuwenden ist, sagt Gerhard Schmidt von der Kanzlei Weil Gotshal. Mitunter klappt es aber eben doch. Bei dem angeschlagenen Autozulieferer Honsel wollen die Banken stillhalten und nicht auf Zinszahlungen pochen. Bis März haben sie Zeit gegeben, das Unternehmen aus Meschede mit rund 900 Mio. Euro Umsatz vor der Pleite zu retten.
Lars Westpfahl, Chef der deutschen Restrukturierungseinheit bei ...   Lars Westpfahl, Chef der deutschen Restrukturierungseinheit bei Freshfields, Partner
Sein verschmitztes Lächeln aktiviert Lars Westpfahl nur in Ausnahmefällen. Eine eisgraue Erscheinung ist der 42-Jährige in Ernstfällen. Die hatte er schon reichlich: Bei der Insolvenz von Ihr Platz war der Mann von Freshfields dabei, ebenso wie bei der Pleite des Möbelherstellers Schieder und, gemeinsam mit seinem Kollegen Christoph Seibt, der Rettung des Solarkonzerns Conergy. Die Abwicklung der Pleite von Global Crossing ab 2002, damals einem der größten Kabelnetzbetreiber weltweit, koordinierte Westpfahl.
Verschmitzt lächelt er meist dann, wenn er einen kleinen Vortrag beendet hat, den er in der Regel nicht lange vorher begonnen hatte mit den Worten: "Sie müssen sich das so vorstellen." Der Mann decodiert komplizierte juristische Probleme in drei bis vier Argumentationsschleifen. Er versucht es auch in Berlin, wo er zusammen mit seinem Freund Kolja von Bismarck vom Konkurrenten Clifford Chance für Reformen am Insolvenzrecht wirbt. Sie hoffen es zwar nicht - aber 2009 könnte ihnen Argumentationshilfe leisten.
Lars Westpfahl
Alter 42
Position Chef der deutschen Restrukturierungseinheit bei Freshfields, Partner
Ausbildung Jura-Studium an der Universität Freiburg
Große bekannte Fälle Global Crossing, Ihr Platz, Schieder, Conergy
Kolja von Bismarck   Kolja von Bismarck
Der Mann trägt feines Tuch, Manschettenknöpfe, etwas längeres, leicht gewelltes Haar und eine elegante goldene Brille. Kolja von Bismarck hat Attitüde, und eine Visitenkarte überreicht er zur Begrüßung selbstverständlich nicht.
Dann fängt er an zu reden, und man fragt sich, wie das zum Vorurteil passen soll. Er bedient sich unbehauener Umgangssprache für seine Analyse einer Nation im Ausnahmezustand. Es sei wie damals während der Oderflut. "Man schippt immer mehr obendrauf auf den Damm, ohne wirklich zu wissen, wie hoch das Wasser noch steigen wird."
Der 50-Jährige hofft, dass deswegen die Reformvorschläge von ihm und seinem Freund Lars Westpfahl endlich Gehör finden: beispielsweise die Wahl des Insolvenzverwalters durch die Gläubiger und nicht den Richter. Einen steten Bedeutungsgewinn erlebt von Bismarck auch im eigenen Haus. "Früher waren wir diejenigen, die im Erdgeschoss saßen und ungern vorgezeigt wurden, weil Krise und Insolvenz Unwörter waren. Das hat sich geändert." Inzwischen zieht er Kollegen aus alle Abteilungen in seine Praxis, weil es bei Börsengängen oder Fusionsberatungen 2009 nicht mehr so viel zu tun gibt. Nicht wenige werden ihre Sprache entschlacken müssen. "Wenn Sie einem Vorstand gegenübersitzen, der um sein Erspartes bangt, können sie dem nicht mit langen juristischen Auseinandersetzungen kommen."
Kolja v. Bismarck
Alter 50
Position verantwortlich für das Restrukturierungsgeschäft bei Clifford Chance in Deutschland, Partner
Ausbildung Jura-Studium an den Universitäten München und Freiburg
Große bekannte Fälle Lyondell Basell, Hertie, Schefenacker, Kirch-Gruppe
Frank Grell, Chef der deutschen Restrukturierungseinheit bei Latham ...   Frank Grell, Chef der deutschen Restrukturierungseinheit bei Latham & Watkins, Partner
Frank Grell ist heute Morgen mit Johannes B. Kerner im Aufzug gefahren. Der TV-Moderator hat eine Ladung Kuchen dabei. Grell, der in demselben Gebäude an der Außenalster sein Büro hat, erkundigt sich nach der geplanten Verwendung und bekommt gleich mal ein Stück angeboten.
Der scheine wirklich freundlich zu sein, befindet Grell danach mit aller Vorsicht. Eine kleine Übung in Menschenkenntnis. Gefällt Grell. Der Mann von Latham & Watkins glaubt fest an die Bedeutung menschelnder Kleinigkeiten bei Sanierungsverhandlungen. "Wenn Sie nachts um drei Uhr eine Telefonkonferenz haben, und alle angespannt sind, ist es sehr hilfreich, wenn man auf einer Wellenlänge funkt", sagt der 38-Jährige. Häufig genug muss er aber zwischen einem 25-jährigen Hedge-Fonds-Manager aus London und dem 55-jährigen Geschäftsführer eines familiengeführten Mittelständlers vermitteln. "Da prallen schon mitunter Welten aufeinander." Grell muss dann anheizen oder vermitteln - je nachdem, wer ihn angeheuert hat.
Frank Grell
Alter 38
Position Chef der deutschen Restrukturierungseinheit bei Latham & Watkins, Partner
Ausbildung Jura-Studium in Hamburg und San Diego
Große bekannte Fälle Fairchild Dornier, Schieder, Walter Bau, Aareal Bank
  • Aus der FTD vom 30.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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