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Merken   Drucken   01.02.2009, 18:59 Schriftgröße: AAA

Restrukturierer (4): Hoffnungsträger in der Krise

Dossier Deutschland droht eine Pleitewelle. Eine kleine Gruppe von Sanierungsexperten muss nun zeigen, was sie draufhat. Die FTD stellt die wichtigsten Akteure in fünf Teilen vor. Heute: Insolvenzverwalter. von Angela Maier (München) und Sven Clausen (Hamburg)
Die Frage ist nicht mehr weit hergeholt: Hat Deutschland für diese Krise genügend erfahrene Insolvenzverwalter? "Da könnte es 2009 einen echten Mangel geben. Im Grunde können nur zwei bis drei Handvoll Leute in Deutschland die wirklich komplexen Fälle als Insolvenzverwalter managen", sagt Gerhard Schmidt, Chef des deutschen Büros der Kanzlei Weil, Gotshal & Manges. Auch Insolvenzverwalter Sven-Holger Undritz glaubt, dass es knüppeldick kommt. Selbst Firmen mit einem gesunden Geschäftsmodell träfen bei den Banken auf eine regelrechte Angststarre. "Die Lage ist bei vielen Beteiligten bereits so angespannt, dass man es regelrecht mit Psychosen zu tun hat."
Noch gibt es andere Stimmen: So will Michael Jaffé, der die Qimonda-Pleite verwaltet, von einer Welle nichts wissen: "Es wird einen Anstieg geben, aber das Ausmaß ist mir noch unklar." Auch Insolvenzverwalter Horst Piepenburg sagt mit Blick auf die staatlichen Rettungspakete: "Ich teile nicht die Euphorie mancher Kollegen."
Wenn die Pessimisten recht behalten und weitere Großkonzerne ins Wanken geraten, könnten die nächsten Jahre für die Verwalter sehr lukrativ werden: Ihr Salär berechnet sich nach dem Wert, den sie retten können. Je höher diese so genannte Insolvenzmasse, desto niedriger der Prozentsatz. Gezahlt wird prinzipiell am Schluss, doch können die Insolvenzgerichte während des Verfahrens Vorschüsse bewilligen. So oder so steht der Hauptgewinn wohl schon fest: Er geht an Michael Frege von CMS Hasche Sigle, der die deutsche Lehman-Tochter abwickelt. Weil der Staat mit einer Garantie über 6,7 Mrd. Euro haftet, wird die Insolvenzmasse entsprechend hoch ausfallen. Rivalen schätzen, dass Freges Büro mindestens 80 Mio. Euro einstreichen wird.
Michael Jaffé   Michael Jaffé
Michael Jaffé spricht schnell, für einen Bayern geradezu rekordverdächtig schnell. Der Mann hat keine Zeit zu verlieren. Weihnachten hat der Vater zweier Kinder nur am Heiligen Abend eine Pause gemacht, um 18 Uhr. Zwei Stunden später saß er wieder an seinem Schreibtisch und verhandelte am Telefon weiter, bis drei Uhr früh.
Das war in der heißen Phase des Verkaufs des insolventen Wohnwagenbauers Knaus Tabbert. Pünktlich zu Silvester war Jaffé damit durch. Doch schon am 23. Januar kam der nächste, ungleich schwierigere Großauftrag: Jaffé soll den insolventen Speicherchiphersteller Qimonda mit 12.000 Mitarbeitern retten. Seit der Pleite der Kirch-Gruppe 2002, an deren Verwertung Jaffé immer noch arbeitet, ist das sein größtes Verfahren. Obwohl er Spekulationen über eine Pleitewelle für "alarmistisch" hält, bereitet er seine Kanzlei bereits vor: Er will die Zahl seiner Mitarbeiter von 60, davon 15 Anwälte, um etwa ein Fünftel aufstocken. Für den Münchner ist sein Job sein Hobby, so scheint es: Er hält Vorlesungen an der LMU, gibt Insolvenzrechtsseminare und wird im Bundesjustiziministerium als Experte gehört. Seine Mission ist, das Insolvenzrecht zu verbessern. So sollten Gläubiger bei einem Insolvenzplanverfahren ihre Schulden direkt in Firmenanteile wandeln können (Debt-to-Equity-Swap).
Michael Jaffé
Alter: 45
Kanzlei: Jaffé Rechtsanwälte Insolvenzverwalter, München, seit 1993
Ausbildung: Jurastudium an der LMU in München, Promotion in Regensburg; Fachanwalt für Insolvenz- und für Steuerrecht
Große bekannte Fälle: Qimonda, Kirch-Gruppe, Nici, Knaus Tabbert, Schneider Technologies, Grob Aerospace, TWD, W. Langenbahn KG, Alboth & Kaiser
Sven-Holger Undritz   Sven-Holger Undritz
Für "Curry Grindel" sieht es gut aus. Gerade hat der Gründer der Imbissbude aus dem Hamburger Grindelviertel wieder im Büro von Sven-Holger Undritz Bericht erstattet. Der Gastronom war zu gutherzig - seine Leute bekamen nicht nur ein überdurchschnittliches Salär, sondern auch noch die Wohnungsmiete. Undritz hat ihm Kostendisziplin verordnet und mit den Geldgebern verhandelt. Jetzt sieht es so aus, als könne die Currywurstbude überleben. Ein winziger Fall im Vergleich dazu, was Undritz sonst so auf den Tisch bekommt. Aber die Insolvenzgerichte sehen es gern, wenn auch die Stars der Szene sich mal um etwas Kleines kümmern.
Undritz, Leiter der Restrukturierungseinheit in der Anwaltssozietät White & Case, arbeitet nicht nur als Insolvenzverwalter, sondern berät Firmen auch schon, wenn die Schieflage noch gerade zu rücken ist. Sein letzter spektakulärer Fall war gleichwohl die Abwicklung von Schieder Möbel, 11.000 Mitarbeiter, 1 Mrd. Euro Umsatz. Für die meisten gesunden Konzernteile sind Käufer gefunden, der Fall nähert sich seiner Lösung. Undritz hat das verworrene Organigramm des Mittelständlers immer noch an einer Betonsäule in seinem Büro kleben. Für sieben Monate war der 46-Jährige nach Eröffnung des Verfahrens Mitte 2007 an den Firmensitz nach Schieder Schwalenberg gezogen, nur 20 Tage war er in der Zeit zu Hause in Hamburg. Das schweißt zusammen.
Sven-H. Undritz
Alter: 46
Kanzlei: White & Case, Büro Hamburg
Ausbildung: Jurastudium und Promotion an der Universität Freiburg, Betriebswirt der Wirtschaftsakademie Hamburg
Große bekannte Fälle: Schieder Möbel, Pop-Net Internet AG, Triton-Format GmbH, Heinrich Klingenberg KG, Inmaris Windjammer Gruppe, IDF
Es sehe gut aus für seinen aktuellen Patienten, erzählt Horst Piepenburg nicht ohne Stolz. Sein Konzept, die insolvente Modehandelskette SinnLeffers mit 25 der 47 Filialen fortzuführen, hat gerade die Gläubigerversammlung durchgewinkt. Und der neue Eigentümer steht schon fest, es ist der alte: Peter Zühlsdorff und seine Deutsche Industrie Holding (DIH) wollen nochmals Geld einschießen. "Voraussichtlich können wir SinnLeffers im zweiten Quartal aus dem Insolvenzverfahren entlassen", lächelt der umgängliche Herr, durch seine randlose Brille. Piepenburgs Büro zählt mit 90 Mitarbeitern zu den Größten unter den lokal orientierten Verwaltern. 2008 verkaufte er als Sanierungsgeschäftsführer den Briefzusteller Pin in Einzelteilen. Die stärkste Erfahrung für den Vater dreier erwachsener Kinder aus Rees am Niederrhein ist aber auch heute noch die Insolvenz des Maschinenbauers Babcock Borsig 2002, ein verschachteltes Konglomerat aus 365 Töchtern. Wie Jaffé die Kirch-Gruppe führte auch Piepenburg Babcock als Insolvenz in Eigenverwaltung, was damals Neuland war.
Horst Piepenburg
Alter: 54
Kanzlei: Piepenburg Gerling Rechtsanwälte, Düsseldorf, seit 1993
Ausbildung: Jurastudium an der Wilhelms-Universität in Münster
Große bekannte Fälle: Sinn Leffers, Pin Group, Babcock Borsig, Ihr Platz, MG Rover Deutschland, DAF Deutschland, Girmes, Götzen Baumärkte
  • Aus der FTD vom 02.02.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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