Die Verlagerung von Geschäftsaktivitäten ins Ausland nimmt seit Jahren zu. Während es früher nur um die Auslagerung der Produktion ging, geht es mittlerweile schon um Produktdesign und Kundenbetreuung.
Wer glaubt, die Grenzen der Auslandsverlagerung sind damit erreicht, irrt sich allerdings gewaltig. Denn wer nach wie vor lediglich auf die billigen Löhne setzt, hat die wahren Vorteile eines solchen Schrittes noch gar nicht erkannt. Unternehmen verschenken dann nicht nur die Chancen, auf einen Wissensschnellzug zu springen, sondern gefährden im Extremfall die Existenz des Unternehmens.
Verführerische Aussichten
In China und Indien beispielsweise betragen die Gehälter abhängig von Ausbildungsgrad und Standort ein Viertel bis ein Zehntel des Durchschnittslohns der westlichen Welt. Für Unternehmen, die sich dem Druck ausgesetzt sehen, kurzfristig Kosten sparen zu müssen, sind diese Aussichten natürlich sehr verführerisch.
Aber auch gefährlich. Denn wer sich allein auf niedrige Lohnkosten verlässt, kann selbst im Ausland die guten Mitarbeiter verlieren. Auch in China und Indien ist der Konkurrenzdruck mittlerweile sehr hoch. Das Buhlen um die besten Mitarbeiter hat auch da schon längst begonnen.
Gerade in wissensbasierten Bereichen wie IT spielt die Qualität der Angestellen eine erhebliche Rolle. Wer also nicht aufpasst, verliert schnell seine besten Leute vor Ort, und die Leistung des Teams sinkt. Somit wird die an sich so einfach erdachte Sparmaßnahme schnell zu einem Verlustgeschäft.
Zugriff auf besondere Fähigkeiten
Intelligente Unternehmen nutzen die Auslandsverlagerung deshalb nicht nur, um Kosten zu senken, sondern auch, um Zugriff auf die besonderen Fähigkeiten dieser Länder zu erhalten. "Egal wie groß die Kosteneinsparungen sind, wir würden niemals Tätigkeiten an einen Standort verlegen, wenn wir nicht überzeugt wären, dass der Leistungsgrad dort höher ist als in unseren bestehenden Betrieben", sagte der Chef eines US-Unternehmens.
Westliche Unternehmen stellen zunehmend fest, dass die klassischen Billiglohnländer wie China und Indien Arbeitnehmer mit erstklassigen Fähigkeiten bieten. "Taiwan und China verfügen über Weltklassedesigner für Wireless-Chips und -Software", sagt etwa Jim Breyer, geschäftsführender Gesellschafter beim Wagniskapitalgeber Accel Partners. Für Prozesse wie die Herstellung von Notebookgehäusen würden IT-Unternehmen wie Waffer in Taiwan eine der am weitesten entwickelten Technologien weltweit anbieten.
Das Capability Maturity Model (CMM), ein internationaler Maßstab zur Beurteilung der technischen Kompetenz, macht diesen Wissensvorsprung deutlich. Die meisten führenden IT-Unternehmen in Indien operieren auf Stufe fünf, also der höchsten Kompetenzstufe des CMM, während die internen IT-Abteilungen westlicher Unternehmen auf Stufe zwei oder drei operieren.
Wissensvorsprung im Call Center
Auch die Leistung der nach Asien ausgelagerten Callcenter ist oft besser als die der heimischen Anbieter. Beim weltweit agierenden US-amerikanischen Anbieter E-Telecare etwa kann das Callcenter in Manila kürzere Bearbeitungszeiten und höhere Kundenzufriedenheit vorweisen als führende Unternehmen in den USA .
Wer die Entscheidung, ins Ausland zu gehen, auch vom Kompetenzniveau abhängig macht, sollte sich die Länder allerdings genau anschauen. Gerade China und Indien bestehen aus vielen verschiedenen regionalen und lokalen Volkswirtschaften, die sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und in verschiedene Richtungen entwickeln.
Es ist aber gerade diese regionale Spezialisierung, die den oft gewaltigen Wissensvorsprung und das Lerntempo in diesen Ländern bestimmt. Die indische Stadt Bangalore beispielsweise ist mittlerweile ein internationaler Cluster für Anwendersoftware, wo sich viele Unternehmen aus aller Welt gesammelt haben. Und damit auch viele Konkurrenten.
Regionaler Wettbewerb
Bei der Entscheidung für einen bestimmten Standort sollte der westliche Unternehmer deshalb die regionale Wettbewerbssituation genau studieren. Wer seine eigene Produktionsstätte plant, sollte sich auf das örtliche Wissen nicht zu sehr verlassen. Die Konkurrenz ist dazu mittlerweile zu groß.
Strategisch klug ist es deshalb, auf eine Partnerschaft mit einem Unternehmen vor Ort zu setzen. Wer das tut, erhält Zugang zu Wissen, mit dem er die westliche Konkurrenz mit Sicherheit überholen wird.
Die Cluster-Entwicklung in Ländern wie Indien und China bedeutet auch, dass sich je nach Sparte Spezialisten sammeln. Seien es Werbefirmen oder Zulieferer, sie alle haben einen Einblick in die jeweilige Branche, die im Heimatland so geballt oft nicht zu finden ist. Eine Partnerschaft vor Ort öffnet auch hier schnell die Türen.
Große Chancen
Die niedrigen Lohnkosten gepaart mit dem Wissen bieten tatsächlich große Chancen. Ein indischer Teamleiter von E-Telecare hat beispielsweise acht Leute unter sich, ein US-amerikanischer hingegen 20. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass der Teamleiter in Indien seine Leute besser schulen kann und die Schwächen schneller erkennt. Der Leistungsvorsprung wird offensichtlich.
Westlichen Unternehmen, die die Verlagerung ins Ausland als reine Kostensparmaßnahme betrachten, wird es unmöglich sein, all diese Chancen zu erkennen. Wer aber darauf setzt, das dynamische Wachstum in Ländern wie China oder Indien einzufangen, wird von dem Wissensvorsprung, dem Tempo und den niedrigen Kosten langfristig profitieren. Und das ist sicherlich weit mehr, als die Personalkosten kurzfristig zu drosseln.
John Hagel und John Seely Brown sind Autoren des Buches "The Only Sustainable Edge: Why Business Strategy Depends on Productive Friction and Dynamic Specialization"