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Management-Wissen pur: Theorien und aktuelle Denkansätze, Entwicklungen in Lehre und Praxis, dazu populäre Thesen und was dahinter steckt. Alles erläutert von Professoren führender internationaler Business-Schulen.

Merken   Drucken   24.08.2005, 18:51 Schriftgröße: AAA

Summer School: Wenn der Chef zweifelt  

Auch in der vierten und letzen Woche schreiben Managementexperten über Gedankenansätze aus der Wissenschaft. Nach den Schwerpunkten Strategie, Marketing und Finanzen befassen sie sich diese Woche mit den Themen Menschen und Technologie. Diesmal: der neurotische Chef. von Manfred Kets de Vries
Es gibt viele Menschen, die sich selbst für komplette Versager halten. Manchmal ist es berechtigt. Meistens aber handelt es sich bei diesen Menschen um das komplette Gegenteil. Für den Außenstehenden sind sie perfekt. Sie selbst halten sich aber trotz aller Erfolge für Nieten und Hochstapler.
Bei dieser so genannten Neurotic Imposture, frei übersetzt etwa neurotische Geltungssucht oder Hochstapelei, handelt es sich aber nicht etwa um falsche Bescheidenheit. Es ist vielmehr die Kehrseite großer Begabung, die viele talentierte, fleißige, fähige und erfolgreiche Führungspersönlichkeiten zu der Annahme verleitet, sie hätten ihren Erfolg nicht verdient.
Ihrer Meinung nach bluffen sie sich durchs Leben. Sie haben ständig Angst davor, doch noch als Hochstapler entlarvt zu werden. Jeder Erfolg ist ihnen suspekt: "Wieder mal Glück gehabt", denken sie, und: "Das nächste Mal werde ich sicher auffliegen."
Permanente Überforderung
Diese Art von Wahrnehmungs- und Verhaltensstörung findet sich auf allen Ebenen eines Unternehmens und zwar in immer größerer Zahl. Tatsächlich gibt es nur wenige Führungskräfte, die nicht unter dieser Störung leiden. Und das insbesondere in hart umkämpften Firmen wie Beratungsunternehmen oder Investmentbanken.
Weil sich die Betroffenen permanent überfordern, lässt ihre Leistung tatsächlich nach einer gewissen Zeit nach. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Manager die entsprechenden Symptome bei sich und ihren Mitarbeitern erkennen und schließlich ihre Ursache behandeln.
Der Begriff des "Hochstapler-Phänomens" wurde 1978 von den Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes geprägt, die sich in einer Studie mit besonders erfolgreichen Frauen beschäftigt hatten. Clance und Imes fanden heraus, dass viele der untersuchten Frauen offensichtlich unfähig waren, die eigenen Erfolge zu verinnerlichen und zu akzeptieren.
Auch Männer sind betroffen
Sie führten sie vielmehr auf Zufall, Glück, Kontakte, das richtige Timing, Beharrlichkeit, Charme oder sogar auf das Vortäuschen bestimmter Fähigkeiten zurück. Und das, trotzdem objektive Daten ein völlig anderes Bild zeichneten.
Spätere Studien und Doktorarbeiten haben zudem gezeigt, dass es sich hier nicht ausschließlich um ein rein weibliches Phänomen handelt. Auch Männer sind betroffen.
Wie aber kommt es dazu? In seiner normalen Form ist Perfektionismus sicher der Motor, der Menschen zu Höchstleistungen antreibt. Neurotische Hochstapler jedoch sind extreme Perfektionisten. Sie setzen sich unrealistische Ziele. Die Tatsache, dass sie diese nicht erreichen, wollen sie sich und ihrer Umwelt aber nicht eingestehen und schotten sich deshalb ab.
  • Aus der FTD vom 25.08.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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