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Merken   Drucken   01.05.2005, 10:00 Schriftgröße: AAA

Unkenrufe zu neuen Bilanzierungsregeln verhallen  

Trotz vieler Bedenken haben vor allem Konzerne die Umstellung auf die neuen Bilanzstandards bislang gut gemeistert. Die Bewährungsprobe steht allerdings noch aus. von Doris Grass
Die große Überraschung ist ausgeblieben. Trotz vieler Unkenrufe ist die Umstellung auf die Internationalen Bilanzstandards IFRS bislang ganz gut verlaufen. Seit dem 1. Januar 2005 müssen börsennotierte Unternehmen in allen EU-Staaten und weltweit 90 Ländern ihre Konzernabschlüsse nach IFRS vorlegen und auch Neuberechnungen für die Vorjahre abgeben. Die neuen Regeln sollen die Bilanzen kapitalmarktorientierter Firmen vergleichbarer und transparenter machen. Die Gewinn- und Verlustausweise der Unternehmen werden aber nach Aussage von Wirtschaftsprüfern und Bilanzexperten sehr viel stärker schwanken als bisher.
"Der große Knall ist ausgeblieben", sagt Michael Schmidt, Leiter des europäischen Aktien-Research bei der DWS, Fondstochter der Deutschen Bank. Dem stimmt Sue Harding, Chef-Wirtschaftsprüferin für Europa bei der Rating-Agentur Standard & Poor’s, zu: "Die Überraschung ist, dass es bislang keine Überraschungen gab." Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens ändert sich lediglich die Darstellung der Zahlen, nicht das ökonomische Bild des Unternehmens. Zweitens haben die meisten Dax-Firmen schon lange freiwillig nach internationalen Standards bilanziert. Die Folgen der IFRS-Umstellung sind daher hier zu Lande weniger spürbar als beispielsweise in Frankreich. Drittens werden zahlreiche Auswirkungen gar nicht durch die Umstellung selbst, sondern die inhaltliche Änderung der Standards verursacht, die stärker den amerikanischen Bilanzregeln GAAP angeglichen werden. Und viertens ist 2005 ein Übergangsjahr: die endgültigen Effekte werden erst mit der Vorlage der Bilanzen für 2005 deutlich.
Gewinnzahlen 2005 mit Vorsicht betrachten
Vor allem die großen Konzerne haben sich viel Mühe gegeben, die Märkte auf die Folgen der neuen Bilanzierungsstandards vorzubereiten. "Die Unternehmen haben früh in Präsentationen detailliert dargelegt, welchen Einfluss von IFRS sie erwarten, und versucht, sich vor Überraschungen zu schützen", sagt DWS-Experte Schmidt. Am stärksten wirkt sich der Wegfall der Goodwill-Abschreibungen aus, was den Konzernen Gewinnsteigerungen beschert, obwohl sich an ihrer eigentlichen Lage nichts geändert hat. So erwartet allein die Deutsche Post AG für 2005 eine Erhöhung des Nettogewinns um 500 Mio. Euro.
Das Gewinnwachstum vieler Dax-Unternehmen ist also im Jahr 2005 mit Vorsicht zu genießen. Entsprechend gering war daher auch die Reaktion an den Börsen. "Der Aktienmarkt ist insoweit effizient, als dass für die Masse der Unternehmen durch solche reinen Zahlenwerke hindurchgesehen und auf die ökonomische Realität geblickt wird", sagt Schmidt. Für Anleger und Analysten bedeutet die IFRS-Einführung, dass die Abschlüsse wegen der Bilanzierungsspielräume, die das Regelwerk bei der erstmaligen Anwendung gewährt, nur schwer verglichen werden können. "Deshalb nutzen die Analysten in der Mehrzahl inzwischen stärker die Kennzahl des Cashflow, der von Bewertungsänderungen nicht beeinflusst wird", sagt Norbert Barth, Analyst bei der DZ Bank.
  • FTD.de, 01.05.2005
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