Verantwortung für Korruptionsaffäre:Klage gegen die alte Siemens-Garde
In einem einmaligen Schritt in der Wirtschaftsgeschichte fordert Siemens Schadenersatz von zwei Ex-Vorstandschefs. In den Korruptionsaffären will der Konzern Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld sowie weitere Topmanager zur Kasse bitten. FTD-Online stellt die prominentesten unter ihnen vor.
Im Siemens-Korruptionsskandal geht es um rund 1,3 Mrd. Euro an dubiosen Zahlungen - an Geschäftspartner und an eine angeblich unabhängige Gewerkschaft. Nun verlangt Siemens Schadenersatz. Zu den Betroffenen gehören neben von Pierer und Kleinfeld auch die Spitzenmanager Johannes Feldmayer, Thomas Ganswindt, Edward Krubasik, Rudi Lamprecht, Heinz-Joachim Neubürger, Jürgen Radomski, Uriel Sharef, Günter Wilhelm und Klaus Wucherer.
Zuletzt wollte sich auch die Kanzlerin nicht mehr von Heinrich von Pierer beraten lassen
Seit 1969 im Konzern, steigt der Erlanger Ingenieur Heinrich von Pierer 1992 zum Siemens-Chef auf. Das Unternehmen umfasst damals mehr als 300 Tochter- und Beteiligungsfirmen sowie weitere 450 nicht konsolidierte Firmen und ist relativ ertragsschwach. 2000 legt von Pierer für alle Arbeitsgebiete operativ selbstständig zu erreichende Renditeziele bis 2003 vor. Ein Anliegen bleibt die weltweite Ausrichtung. So setzt er die Investitionen in Mittel- und Osteuropa fort und treibt das Engagement in Asien und speziell in China durch Gemeinschaftsfirmen voran.
Von Pierer ergreift als einer der angesehensten Konzernchefs in Deutschland regelmäßig das Wort zu aktuellen Fragen. Dabei betrachtete er Siemens - ihm zufolge der einzig verbliebene Elektronik-Konzern Europas in der weltweiten Spitzengruppe - als Vorbild für ein reformbereites Deutschland. 2005 unterstützt von Pierer als wirtschaftspolitischer Berater den Wahlkampf der CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel. Anfang 2006 beruft sie ihn für die Bundesregierung an die Spitze eines "Rats für Innovation und Wachstum".
Im Januar 2005 gibt er den Posten als Konzernchef an seinen Wunschnachfolger Klaus Kleinfeld ab und wird Aufsichtsratschef. Im November 2006 wird eine Korruptionsaffäre aufgedeckt, die zunächst die Sparte Com belastet und sogar zu Festnahmen führt. Einen Rücktritt als Chefkontrolleur des Konzerns weist von Pierer mehrfach zurück - er sieht darin ein Eingeständnis persönlicher Schuld, und die weist er Managern aus der mittleren Ebene zu. Trotzdem ist von Pierer im April 2007 nicht mehr zu halten. Am 17. April 2008 gibt die Kanzlerin schließlich bekannt, sich in Innovationsfragen künftig nicht mehr vom ehemaligen Siemens-Chef beraten zu lassen.
Klaus Kleinfeld hat inzwischen eine neue Heimat in den USA gefunden
Als zehnter Siemens-Chef seit 1847 übernimmt Klaus Kleinfeld im Januar 2005 den Vorstandsvorsitz, sein Vorgänger Heinrich von Pierer wird Aufsichtsratschef. Die einschneidenste Veränderung seiner Amtszeit ist die Trennung des Konzerns von der Telekommunikation - immerhin der Ursprung von Siemens. Kleinfeld gibt die verlustreiche Mobiltelefonie 2005 samt der entsprechenden Patente an BenQ ab. Die Taiwaner wickeln die neue Tochter BenQ Mobile allerdings Ende 2006 ab - ein schwerer Imageschaden für Siemens und Kleinfeld.
Im November 2006 entzündet sich zudem eine Korruptionsaffäre, in deren Verlauf die Staatsanwaltschaft Büros bei Siemens durchsucht. Die Vernehmungen zeitweise verhafteter Führungskräfte offenbaren ein System aus Schmiergeldzahlungen. In diesem Kontext steht die Verlängerung von Kleinfelds Vertrag an. Gerhard Cromme, inzwischen Chef des Aufsichtsrats für den in der Affäre geschassten von Pierer, lehnt eine vorzeitige Verlängerung im April 2007 ab. Obwohl Kleinfeld persönlich keine Vorwürfe treffen, wünscht die Mehrheit im Aufsichtsrat einen Neuanfang. Der Manager kündigt daraufhin sein Ausscheiden an. Zum 1. Juli 2007 übernimmt der von Cromme nominierte Peter Löscher den Chefposten.
Schon im August findet Kleinfeld einen neuen Job: Er wird zum 1. Oktober President und Chef des operativen Geschäfts beim US-Aluminiumhersteller Alcoa. Bereits seit 2003 im Vewaltungsrat des Konzerns aus Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania vertreten, galt Kleinfeld von Beginn seiner Tätigkeit an als designierter Nachfolger von Vorstandschef Alain Belda. Die offizielle Berufung zum CEO folgte am 9. Mai 2008.
Johannes Feldmayer hat eine makellose Karriere im Siemens-Konzern hinter sich. Immer wieder gilt er gar als Kandidat für den Posten des Vorstandsvorsitzenden. Der Augsburger wird Ende 2001 Chef der Strategieabteilung und damit eine Art Vordenker des Unternehmens. Im Mai 2003 schafft er es schließlich in den Vorstand, nur wenige Monate später auch in den Zentralvorstand. Ende 2004 wird allerdings klar, dass nicht er, sondern Kleinfeld Konzernchef wird.
Dann der März 2007: Während Kleinfeld sich eine weiße Weste bewahren kann, zerrt die Justiz den scheuen Feldmayer ins Dunkle einer Gefängniszelle - und damit gleichzeitig ins Licht der Öffentlichkeit. Erstmals wird ein aktiver Zentralvorstand verhaftet. Ins Visier der Ermittler kommt Feldmayer schon im Februar 2007. Ein Siemens-Sprecher bestätigt damals die Existenz eines Beratervertrags mit dem Ex-Betriebsrat Wilhelm Schelsky. Unterschrieben wurde dieser von Feldmayer. Der Vertrag sei Ende des Jahres 2006 fristlos gekündigt worden, nachdem er bei einer Überprüfung aufgefallen sei.
Auch Heinz-Joachim Neubürger stürzt über die zweilichtige Finanzierung der unabhängigen Gewerkschaft AUB. Im Frühjahr 2006 hatte der bei Analysten und Investoren hoch geschätzte Finanzvorstand überraschend seinen Rückzug angekündigt und persönliche Gründe angegeben. Der gelernte Investmentbanker - seit 1989 bei Siemens - war unter dem früheren Konzernchef Heinrich von Pierer jahrelang Finanzchef und galt zeitweise als dessen möglicher Nachfolger.
Thomas Ganswindt verlässt Siemens auf eigenen Wunsch
Ende 2002 rückt Thomas Ganswindt in den Vorstand des Münchner Konzerns ein, im Oktober 2004 kommt er in den Zentralvorstand. Hier betreut er unter anderem die Krisensparte Telekommunikation (Com). Ganswindt verlässt Siemens im September 2006 auf eigenen Wunsch. Belastet wurde er von einem ehemaligen Com-Kollegen.
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