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Merken   Drucken   15.09.2009, 06:00 Schriftgröße: AAA

Virtuelles Unternehmen: Im Büro zu Hause

Die Chefin der amerikanischen Medienberatung Outsell sieht viele ihre Beschäftigten nur einmal im Jahr. Wenn Anthea Stratigos einen internationalen Konzern führen würde, wäre das verständlich. Outsell beschäftigt aber nur ungefähr 50 Mitarbeiter - dort, wo sie wohnen. von Rhymer Rigby, London
Das Besondere an dem Beratungsunternehmen ist, dass bis auf vier Ausnahmen alle Beschäftigten von zu Hause arbeiten. Den Plausch in der Kaffeeküche erleben die meisten nur einmal im Jahr.
Outsell ist praktisch ein virtuelles Unternehmen, das den Telearbeitsgedanken auf die Spitze treibt: Der winzige Firmensitz dient eigentlich nur als Besprechungsort, die Mitarbeiter sind über das ganze Land verstreut. Manche sitzen sogar in Großbritannien.
Weniger Kosten, dezentrale Struktur
Dieser Ansatz hat eine Reihe von Vorzügen. Da sind zunächst einmal die eingesparten Mietkosten. Für Lucy Scott-Moncrieff, die geschäftsführende Partnerin bei der Londoner Anwaltskanzlei Scott-Moncrieff, Harbour & Sinclair, war dies der ausschlaggebende Faktor, denn die Kanzlei übernahm anfangs vor allem Pflichtverteidigungen.
"Unsere Leute wohnen größtenteils in London und im Ausland, aber auch in Devon, Manchester, Wales und East Anglia", sagt die Anwältin. "Bei Firmenfeiern kommt es schon vor, dass Leute, die schon stundenlang miteinander telefoniert haben, sagen: Ach, so siehst du also aus."
Durch Telearbeit schafft Outsell es, Mitarbeiter in den USA und ...   Durch Telearbeit schafft Outsell es, Mitarbeiter in den USA und Europa zu verbinden
Outsell-Chefin Stratigos sagt, durch die dezentrale Struktur habe sie beim Personal mehr Auswahl. "Wir stellen Experten ein, und da wollten wir uns nicht auf die Region San Francisco beschränken. Wenn ich in Wyoming eine tolle Person finde, dann will ich sie einstellen."
In einem Land wie den USA, das sich über mehrere Zeitzonen erstreckt, können Unternehmen durch diesen Ansatz außerdem den Arbeitstag verlängern.
Familienfreundliche Bedingungen
Auch die Beschäftigten profitieren von Heimarbeit. Rachel Bair, Marketingmanager beim IT-Unternehmen Lore Systems, sagt, sie hätte nach der Geburt ihrer Kinder erst später wieder zu arbeiten begonnen, wenn sie hätte pendeln müssen.
Am Firmensitz von Lore Systems in Washington DC arbeiten nur zwei oder drei Manager. Die Mitarbeiter wohnen überwiegend im Großraum Washington und in Virginia und arbeiten von zu Hause aus. Bair selbst wohnt im fast 2000 Meilen entfernten Phoenix im US-Bundesstaat Arizona.
Keine Unstimmigkeiten im Team
Auch in Deutschland wächst Lust auf Arbeit im Home Office   Auch in Deutschland wächst Lust auf Arbeit im Home Office
Und das virtuelle Unternehmen hat noch weitere Vorteile: keine politischen Ränkespiele im Büro, weniger Umweltbelastung, die Mitarbeiter können sich ihre Arbeit selbst einteilen und einen besseren Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit schaffen, und die Mitarbeiter sind produktiver, weil sie nicht ständig von Kollegen unterbrochen werden.
"Vor zwanzig Jahren wäre das technisch nicht möglich gewesen", sagt Scott-Moncrieff. Nicht nur für die Kommunikation ist moderne Technik erforderlich. Auch die Leistungsbewertung und das Spesenmanagement für die weit verstreuten Mitarbeiter wird erst durch moderne Technik möglich.
Fehlender Flurfunk, weniger Geselligkeit
Nachteile gibt es aber selbstverständlich auch. Den Mitarbeitern fehlt der Flurfunk, und sie verpassen viele inoffizielle Informationen, sagt der Psychologe Ben Williams. "Das kann sehr, sehr wichtig sein. Einige Dinge, wie Brainstorming, funktionieren einfach besser, wenn alle im selben Raum sind."
Außerdem gebe es sehr gesellige Menschen, die alleine einfach nicht arbeiten können. Stratigos bestätigt das, wenn sie sagt, dass zwei Beschäftigte mit der Begründung gekündigt haben, dass der virtuelle Arbeitsplatz einfach nichts für sie sei.
Fairerweise muss man sagen, dass virtuelle Unternehmen sich sehr um den Teamgeist bemühen und regelmäßig Treffen veranstalten. Aus geografischen Gründen ist das aber in mittelgroßen europäischen Ländern einfacher und billiger als in den USA. Bei Outsell fällt das jährliche Treffen heuer aus. "Alle zusammenzutrommeln kostet rund 100.000 Dollar", sagt Stratigos. "Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Umfelds haben wir das Team gefragt, ob wir das Geld dieses Jahr anderweitig einsetzen sollen, und sie haben ja gesagt."
The Financial Times, London. www.ft.com
  • FTD.de, 15.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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