Die rund 130 Delegierten und ihre Gäste auf dem Parteitag der thüringischen CDU in Waltershausen bei Eisenach hungern regelrecht nach einer Nachricht ihres Spitzenmannes. Seit Wochen leben sie nur von Spekulationen über die Gesundheit und das Seelenleben von Ministerpräsident Dieter Althaus , der nach seinem Skiunfall wegen eines Schädel-Hirn-Traumas in einer Reha-Klinik am Bodensee behandelt wird. Immer wieder kommt die Rede darauf, ob Althaus nicht eine Videobotschaft hätte schicken können: Ein Bild sage schließlich mehr als 1000 Worte. Als Gerüchte aufkommen, es liege bereits ein umfangreiches Zeitungsinterview auf Halde, macht sich Unverständnis breit. Nicht nur einmal fallen Sätze wie "Das verstehe ich nicht" oder "Das würde ich nicht so machen."
Statt Bilder bekommen die Delegierten am Samstag nur die Beteuerung von Birgit Diezel - Althaus-Stellvertreterin in Partei und Regierung - dass der Verletzte auf dem Weg der Besserung sei. Und dann verliest sie eine Erklärung von Althaus, in der er seine Rückkehr noch vor der Sommerpause ankündigt. Damit sei er rechtzeitig vor der Landtagswahl am 30. August zurück. Die Delegierten reagieren erleichtert und applaudieren lange. Und sie kaufen die Katze im Sack: 94,6 Prozent votieren für ihn als Spitzenkandidaten. Althaus dankt ihnen per SMS.
Am Sonntag dann die Überraschung: Althaus grüßt seine Anhänger recht munter aus der "Bild am Sonntag" - mit Foto-Schnappschüssen vom Bodensee. Ein großes Interview mit dem Schwesterblatt "Bild" soll Anfang der Woche folgen. Regierungssprecher Fried Dahmen verteidigt das Vorgehen. "Irgendwann musste er sich ja zurückmelden, und das ist jetzt passiert." Der Auftritt auf einer sich über Stunden hinziehenden Versammlung sei dem Kranken dagegen noch nicht zuzumuten. Die Entscheidung gegen eine Videobotschaft habe die Parteiführung getroffen, die eine schriftliche Erklärung für ausreichend erachtete. "Das Wahlergebnis ist ja auch überzeugend ausgefallen."
Im vergangenen Jahr ließ Althaus bereits via "Bild"-Zeitung Gerüchte über ein uneheliches Kind dementieren, nach dem Skiunfall erschienen dort erstmals Fotos beim Reha-Aufenthalt am Bodensee - der Patient mit leerem Blick an der Seite seiner Frau. Wenige Tage später, als bei der Beerdigung des Vaters von Althaus in Heiligenstadt alle Beobachter über den schlechten Zustand des angereisten Ministerpräsidenten erschraken, präsentierte die Zeitung trotz strengem Fotografierverbots ein Bild von Althaus am Grab und schrieb von seinem "festen Schritt".
Dieses Verwirrspiel begleitet von Beginn an den Genesungsprozess von Althaus: Einerseits soll er gesund und stark erscheinen, um jeden Zweifel an seiner Rückkehr im Keim zu ersticken. Auf der anderen Seite hat er bei dem Unfall schwere Verletzungen davon getragen und ist laut seiner Ärzte nicht vernehmungsfähig. Aus diesem Grund bleibt er dem Blitzprozess fern, bei dem er wegen fahrlässiger Tötung der 41 Jahre alten Beata Christandl auf der Skipiste zu einer Strafe von 33.000 Euro verurteilt wird. Wenige Tage später gibt er eine Erklärung ab, dass er als Spitzenkandidat bereit steht.
Trotzdem bleibt eine Unsicherheit - bei Althaus und bei seinen Anhängern. "Nach diesem tiefen Einschnitt sehe ich mein Leben in einem anderen Licht. Dieses Ereignis wird mich für immer begleiten", schreibt er an die Delegierten. "Wir können Pläne haben, wir können auf Sicherheiten setzen, aber ein solch schicksalhaftes Ereignis kann von einem auf den anderen Moment alles verändern." Nach Ansicht von Beobachtern wie dem Mainzer Parteienforscher Jürgen Falter kennt Althaus als gläubiger Katholik durchaus Skrupel. Vor diesem Hintergrund ist sein Weg zurück in die Politik noch lang.