Bogra, ein kleines Nest im Norden Bangladeschs, hat sicherlich nicht auf der Liste der Orte gestanden, die der französische Fußballstar Zinedine Zidane unbedingt einmal besuchen wollte. Vermutlich hat er bis kurz vor seiner Reise noch nicht einmal von der Existenz Bogras gewusst. Am Ende der Visite war Zizou jedoch so begeistert, dass er versprach wiederzukommen, mit seiner Familie. So erzählt es der Buchautor und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus in seinem gerade erschienenen Buch "Die Armut besiegen".
Berühmt geworden ist der Volkswirt aus Bangladesch, der an der Vanderbilt University in Tennessee promovierte, durch die Gründung der Grameen Bank in seiner Heimat. Das Konzept ist ebenso einfach wie erfolgreich: Yunus vergibt Kleinstkredite an die Ärmsten der Armen. Mit dem Darlehen können sie ihr eigenes kleines Unternehmen gründen. Ende 2007 hatte die Grameen Bank rund 6,55 Mrd. $ an mehr als 7,3 Millionen Menschen verliehen. Für diese Idee, die heute von vielen Mikrofinanzinstitutionen weltweit kopiert wird, wurde Yunus 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
In seinem neuen Buch stellt Yunus die nächste Wunderwaffe im Kampf gegen die Armut vor: das Sozialunternehmen. "Gemeint ist damit ein Betrieb, den der Unternehmer nicht gründet, um nach einem ausschließlich persönlichen Gewinn zu streben, sondern um spezifische soziale Ziele zu verfolgen", beschreibt Yunus die Mission des Sozialunternehmens. Vom Bau einer Brücke über die erschwingliche Gesundheitsversorgung bis hin zum nährstoffreichen Joghurt für Kleinkinder, all dies kann ein Sozialunternehmen laut Yunus leisten. Es muss sich am Markt behaupten und arbeitet kostendeckend. Allerdings zahlt es keine Dividende an seine Investoren aus, sondern nutzt die Erträge, um das Geschäft zu erweitern. Nicht die Rendite wird maximiert, sondern der soziale Nutzen.
Wie dies funktionieren kann, erzählt Yunus am Beispiel des französischen Lebensmittelherstellers Danone in Bangladesch. Gemeinsam mit dem populären Ökonomen hat der Konzern ein Geschäftsmodell entwickelt, wonach Joghurt kostengünstig und unter Einbindung lokaler Produzenten und Arbeitnehmer hergestellt werden kann. Yunus beschreibt das faszinierende Projekt von der ersten Idee bis hin zum Start einer Werbekampagne, zu der eigens die Sportlegende Zizou eingeflogen wurde. Doch so sehr er sich auch starkmacht für Danone und sein soziales Unternehmertum, es bleiben viele Fragen offen: Wie etwa sollen soziale Erfolge gemessen werden? Wie sollen große Infrastrukturprojekte kostendeckend von den Armen betrieben werden? Yunus' Vorstellungen bleiben in wichtigen Punkten vage und vertagen die Lösung in die Zukunft.
Darüber hinaus verliert sich das Buch in einer Vielzahl allgemeiner Darstellungen zum Thema Entwicklungshilfe. Yunus hat viele Visionen im Kopf, wie die Armut zu besiegen ist, aber keine ausgereiften Konzepte. Geht es im ersten Kapitel des Buches noch recht konkret um das "Versprechen des Sozialunternehmens", verfängt sich Yunus dann in einer Rückblende über die Geschichte der Grameen Bank, die informierten Lesern wenig neue Erkenntnisse bringt, bevor er am Ende zum großen Rundumschlag ausholt: Welche Chance bieten neue Informationstechnologien für die Dritte Welt? Und welche Gefahren birgt der Klimawandel für Yunus' Heimatland Bangladesch?
Yunus hätte besser daran getan, sich in seinem Buch auf die Chancen und Schwierigkeiten eines Sozialunternehmens zu konzentrieren und sich ansonsten kürzer zu fassen. Schließlich ist seine Idee ja keineswegs neu, sie wird zum Teil schon seit mehreren Jahren von der Grameen-Unternehmensgruppe umgesetzt. Umso interessanter wäre es gewesen, jetzt im Detail zu erfahren, was ein sozialer Unternehmer in der Praxis zu beachten hat. Auf welche Probleme er stößt - und wie er sie löst. Ein solches Buch hätte den Horizont der entwicklungspolitisch interessierten Leser womöglich erweitert. Bücher über die Mängel der Entwicklungshilfe und die Armut im Großen und Ganzen gibt es schon genug. Yunus gelingt es leider nicht, dem Neues hinzuzufügen. Immerhin bleibt zu hoffen, dass die Erlöse aus den Buchverkäufen Yunus' Projekten zugutekommen. Denn ungeachtet seiner schriftstellerischen Fähigkeiten steht seine entwicklungspolitische Leistung außer Frage.