Der Textilfabrikant wollte es ganz schlau machen. 100.000 Euro im Jahr kostet ihn der Elektriker in seinem Betrieb. "Diese Ausgaben lassen sich einsparen", sagt der Unternehmer und streicht den Arbeitsplatz; fortan übernimmt ein externer Installateur die anfallenden Jobs. Fünf Jahre später wird nachgerechnet, Ergebnis: 150.000 Euro jährlich kosten allein die Arbeitsstunden, Material geht noch extra.
Für Fälle wie diesen hat Johanna Joppe nur ein müdes Lächeln übrig. "Outsourcing, das ist der große Bluff", sagt die Beraterin. "Vernichtetes Kapital, extremer Verschleiß von Führungskräften, Gewinneinbrüche, die keiner erklären kann, Ruin des Unternehmens", zählt sie auf, was alles passieren kann, wenn Aufgaben aus einem Betrieb an Dritte ausgelagert werden.
Joppe und ihr Co-Autor Christian Ganowski haben ein Manifest gegen Outsourcing und Jobverlagerung verfasst: Wer nach China oder in andere Länder auslagert, spielt mit dem Feuer. Ihr neues Werk mit dem Titel "Die Outsourcing-Falle" ist ein Schwarzbuch zum Thema - es liefert all jenen die richtigen Argumente und Anekdoten, die schon immer gegen den Standort im Billiglohnland waren. Größtes Problem in vielen Unternehmen: "Keiner rechnet mehr nach, was Outsourcing wirklich kostet", schimpft die Autorin. Stattdessen folgen alle, die noch nicht im Niedrigkosten-Ausland produzieren, dem allgemeinen Herdentrieb. China, Indien und Rumänien müssen gut sein, sonst wären ja nicht schon so viele Unternehmen dort vertreten, so lautet die verbreitete Haltung.
Entscheidungen über Outsourcing und Jobverlagerung werden von den Vorständen politisch gefällt, auch wenn die Controller meutern. Dazu haben sie guten Grund - die Zahlendreher sind die Einzigen, die noch nachrechnen. Sie stellen fest: Mitarbeiter am neuen Standort im Billigausland müssen geschult werden, die Kosten dafür werden aber nicht unter "Jobverlagerungsprojekt" verbucht, sondern aus dem Topf der Weiterbildungsabteilung bezahlt. Dasselbe passiert mit den Beratungs- und Kommunikationskosten. Die enormen Reisekosten und Spesen trägt ebenfalls nicht das Projektkonto, sondern die Abteilung, aus der der reisende Mitarbeiter kommt. "So rechnet man sich Outsourcing schön", sagt Joppe, "manches Unternehmen weiß bis heute nicht, ob sich der Standort in China rechnet oder nicht."
Als hätte die Autorin sie bestellt, stützt eine neue Studie ihre Thesen. "Für jedes dritte deutsche Unternehmen rechnet sich die Beschaffung in China nicht", zieht Harald Kayser vom Wirtschaftsprüfer PwC das Fazit aus einer Analyse, die er gemeinsam mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) durchgeführt hat. Von den gut 200 untersuchten Unternehmen rechnete ein Drittel noch nicht einmal die Transportkosten nach.
Wer auslagert, etwa in die Türkei, nach Indien, China oder die USA, muss außerdem mit Ideenklau rechnen. Weder die Kosten dieses Risikos noch jene für den Schutz gegen solche Schäden werden mitgerechnet, wenn Unternehmer einer Kostensenkung von 50 Prozent nachjagen. Überdies lauern versteckte Zeitkosten. Ein Behördengang etwa in Indien dauert schon mal einen halben Tag, und man muss mehrmals hin, um einen der begehrten Stempel zu bekommen. Da kommen schnell erhebliche Summen zusammen - immerhin kostet der deutsche Manager, der sich in die Schlange auf dem Amt in Mumbai stellt, um die 1000 Euro am Tag.
Ebenfalls für die Kunden von IT-Dienstleistern wie Accenture, EDS, Capgemini oder IBM hat Joppe schlechte Nachrichten: Hier ist Outsourcing mitunter teurer als gedacht, denn die IT-Anbieter treiben es so ähnlich wie der Supermarkt um die Ecke. Nur das Stück Butter gibt es zum Lockvogelpreis von 69 Cent, alles andere ist richtig teuer.
Leser, die Günter Oggers Stil mögen, werden an dem Outsourcing-Schwarzbuch ihre Freude haben. Denn Joppes Traktat ist ein Reißer, ganz wie seinerzeit Oggers Bestseller "Nieten in Nadelstreifen". Sie schreibt in einem atemlosen Erzählstil, der das Weglegen des Buches schwer macht, bevor die letzte Seite verschlungen ist. Die gute Lesbarkeit ist freilich nicht umsonst zu haben - sie geht streckenweise auf Kosten der Substanz. So gibt es kaum ein Firmenbeispiel, bei dem Ross und Reiter offen genannt werden. Mit Sätzen wie "Die Globalisierung liefert Murks, aber billig" liefert das Schreiberduo zwar eine gute Verkaufe, aber schlauer wird der Leser dadurch nicht. Dennoch sollte jeder Geschäftsführer das Buch lesen, bevor er zur nächsten Reise Richtung Osten aufbricht.