Es gibt Begriffe, die bei den meisten Menschen ein diffuses Unbehagen auslösen, die Furcht vor etwas Großem oder Gefährlichem wecken. Das Wort Mafia gehört in diese Kategorie oder auch die katholische Laienorganisation Opus Dei. Wenn in Deutschland aber über Russland gesprochen wird, dann erfüllt seit Jahren ein Konzern zuverlässig die Funktion des Gottseibeiuns: Gazprom, der größte Gasproduzent der Erde.
Einen solchen Mythos zu zerlegen ist eine ehrenwerte Aufgabe, und deshalb ist es erfreulich, dass die beiden russischen Journalisten Waleri Panjuschkin und Michail Sygar diesen riskanten Versuch unternommen haben - auch wenn sie am Ende ihr Scheitern eingestehen müssen.
Die westliche Debatte der vergangenen Jahre kreiste stets um die Frage, ob es sich bei Gazprom nun um ein Unternehmen handelt, das nach rein wirtschaftlichen Maßstäben bewertet werden kann, oder um einen verlängerten Arm des Kreml mit eindeutigen politischen Ambitionen. Zu welchem Ergebnis man kommt, kann weitreichende Folgen haben: Ein früherer Bundeskanzler hat sich dafür entschieden, bei Gazprom einzusteigen, die amtierende Bundesregierung hingegen denkt offen darüber nach, den Konzern in Deutschland in die Schranken zu weisen.
In ihrem Buch "Gazprom. Das Geschäft mit der Macht" erwecken Panjuschkin und Sygar den Eindruck, die Frage nach der Natur des Energieriesen beantworten zu können. Schon im Klappentext wird Gazprom als "Waffe" bezeichnet, mit der Russland versuche, seine Weltmachtansprüche durchzusetzen. Es spricht nach den russischen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre mit der Ukraine, Weißrussland und anderen europäischen Staaten eine Menge für diese These. Allerdings gelingt es den beiden Autoren trotz einer Fülle von Details nicht, sie überzeugend zu begründen.
An Recherche hat es dabei nicht gemangelt. Die beiden Journalisten, die für die renommierten russischen Wirtschaftszeitungen "Wedomosti" und "Kommersant" arbeiten, haben mit Akteuren des Konzerns und der Politik ebenso gesprochen wie mit Gazprom-Kritikern. Sie liefern aussagekräftige, stellenweise amüsante Skizzen jener Männer, die das Unternehmen geführt, groß gemacht und zum Teil ausgenutzt haben - wie etwa die des früheren russischen Ministerpräsidenten Viktor Tschernomyrdin oder des alten Gazpromtschiks Rem Wjachirew. Ausführlich werden die Auseinandersetzungen zwischen der alten und der neuen Führung von Gazprom beschrieben, der Streit um die Medienbeteiligungen von Gazprom und die Mentalität der einfachen Mitarbeiter des Konzerns.
Aber im Laufe ihres Gazprom-Buches verlieren sich Panjuschkin und Sygar in der Masse der szenischen Beschreibungen, der Ortswechsel und bloßen Andeutungen. Zwar schwant dem Leser, dass die Machtübernahme von Wladimir Putin als russischer Präsident eine Zeitenwende auch für Gazprom bedeutet haben muss - möglicherweise erkannte erst Putin voll und ganz, dass sich ein Konzern wie dieser politisch nutzen lässt. Aber dieser Erzählfaden wird nicht konsequent weiterverfolgt. Stattdessen ergehen sich die Autoren in ausschweifenden Schilderungen der politischen Umwälzungen in Weißrussland, Usbekistan oder der Ukraine - ohne dass der Zusammenhang mit Gazprom zwingend deutlich wird.
Unklar bleibt besonders die Rolle des russischen Präsidenten. "Putin ist ein kleiner Politiker in der Ära von Gazprom", sagte Sygar im Januar bei der Vorstellung des Buchs in Berlin. Im Text wird immer wieder nahegelegt, der Präsident kontrolliere über Mittelsmänner Teile des Konzerns und verdiene kräftig mit. Folgt man dieser bei einigen Moskauer Politologen populären Theorie, dann ist Putin letztlich allein von kommerziellen Interessen getrieben. Daran schließt sich allerdings die Frage an, in wessen Händen die Waffe Gazprom liegt und gegen wen sie gerichtet ist. Eine Antwort darauf bleiben die Autoren schuldig.
Am Ende ihres Buchs merken Panjuschkin und Sygar selbstkritisch an, dass sie bei der Waffe Gazprom "nicht bis zum Zünder vorgedrungen sind und noch lange nicht begriffen haben, wie dieses Ding wirklich funktioniert". Dieser Verdacht lässt sich nicht ausräumen.