Das Wichtigste vorab: Reinhard Sprenger, einer der einflussreichsten Managementdenker des Landes, hat Ahnung von Fußball. Er ist seit seiner Jugend ein leidgeprüfter Fan von Rot-Weiss Essen, er hat in Bochum Sport studiert und für sein neues Buch einige Jahre geforscht und gesammelt, sowohl in Seminaren wie in Stadien. Zwar soll der Fußball hier nur "dazu dienen, Management zu beraten", stellt Sprenger gleich zu Beginn klar. Aber man kann "Gut aufgestellt" auch als ein Buch über Fußball lesen, das so unterhaltsam ist wie die Bundesliga in ihren besten Augenblicken.
Redewendungen wie "ein Eigentor schießen", "den Ball flach halten" oder "die Null muss stehen" sind längst im Wirtschaftsleben gebräuchlich. Und Sprenger packt sein Buch voll mit schönen Sprüchen und lustigen Szenen aus der Welt des Balls. Aber für den Autor ist der Fußball eben "nicht nur eine Metapher, sondern geradezu ein Modell für modernes Management". Wirtschaftsführer seien heute da angekommen, wo Trainer und Manager schon seit geraumer Zeit sind: bei hohem, kurzfristigem Ergebnisdruck, dauernder Veränderung, bei stetigen Wachstumsansprüchen, globalem Wettbewerb, ständiger Verbesserung. Und insbesondere bei grundsätzlicher Job-Unsicherheit. "Es ist kein Zufall", schreibt Sprenger, dass die Wirtschaftsnachrichten den Sportmeldungen "verblüffend ähneln".
Sprenger vergleicht die beiden Lebensbereiche, doch er setzt sie nicht gleich. Er meidet Analogien und entdeckt stattdessen viele erstaunliche Parallelen zwischen Trainer und Führungskraft, Mannschaft und Mitarbeitern, Fans und Kunden. Wie in seinem Bestseller "Mythos Motivation" gelingt es Sprenger, zwei Welten zu vereinen und auf einen Nenner zu bringen: den des harten Wettbewerbs.
Gewiss: Gleiches könnte man mit Boxern und Managern machen, vielleicht auch Hochseefischern ("Der alte Mann und das Meer") oder Golfern. Aber das wäre halb so amüsant. Außerdem schließt sich für Sprenger, den einstigen "Pöler aussem Pott", wie er sich nennt, mit der Zuwendung zum Fußball persönlich ein Kreis. "Gut aufgestellt" ist das Buch eines gereiften, lebenserfahrenen Autors ("Ich bin über die Jahre zu dem Ergebnis gekommen, dass viele Führungskräfte zu früh aufsteigen"), der immer irgendwie Biografisches verarbeitet und sein bisheriges Schaffen bilanziert. Und endlich kommt Deutschlands meistgelesener Managementautor einmal ganz ohne soziologische Plattitüden aus.
Stellt sich die Frage, warum die Leser und vor allem Fans von Sprenger so lange auf die Fußballstrategien des in die Schweiz "emigrierten" Esseners warten mussten. Vielleicht, weil nicht nur Sprenger selbst, sondern die Zeit reif ist für ein solches Buch? Im Grunde herrscht an dieser Art Vergleichsliteratur, die Parallelen zwischen Management und Märchen, Managern und Elefanten, Mäusen, Fischen oder Symphonieorchestern zieht, kein Mangel. Solche Werke kommen vor allem aus den USA, und dort gilt "Soccer" bekanntlich als Sport der Jugendlichen und taugt den "Big Bosses" nicht als Muster für erfolgreiches Führen.
Vielleicht nutzt der Wahlzüricher auch nur die Gunst der Stunde und legt das Buch zur Fußball-EM in der Schweiz und Österreich vor. Schon bei der WM 2006 in Deutschland hatte sich Sprenger etwa zum Jürgen-Klinsmann-Effekt auf Unternehmen geäußert. Damals schrieb er pessimistisch, die Siege von Poldi, Schweini & Co. würden die Motivation der Mitarbeiter kaum erhöhen: "Der Optimismus war nur punktuell, in Deutschland gibt es einen hartnäckigen Willen zum Jammern." Jetzt betrachtet er Klinsmann als einen "modernen Manager" und "CEO des deutschen Fußballs", der "fast eine Art Führungsphilosophie" hinterlassen habe. Und er lobt Otto Rehhagel, den Erfinder der "kontrollierten Offensive": Ohne ein einziges Wort Griechisch zu sprechen, habe der seine Spieler dazu gebracht, mehr Verantwortung zu übernehmen und auf die eigene Kreativität zu setzen - und sie gewannen die EM 2004. Einen Ewiggestrigen sieht er in Sir Alex Ferguson: Der Trainer von Manchester United habe kein Konzept für die Zukunft und den Zeitpunkt verpasst, in Würde abzutreten.
Was Sprenger ja nicht ahnen konnte, als er das Buch schrieb: Ferguson steht heute vor dem erneuten Gewinn der englischen Meisterschaft und im Finale der Champions League. So schnelllebig ist das Fußballgeschäft.