Man muss sie einfach liebhaben, die knuddeligen Maskottchen der Olympischen Spiele in Peking. Kinderaugen werden glänzen, wenn die "Freundlichen fünf", darunter ein unvermeidlicher Pandabär, im August bei der Eröffnungsfeier auftreten. James Mann dagegen treiben die Püppchen die Zornesröte ins Gesicht. Für den früheren Korrespondenten der "Los Angeles Times" in Peking beweist das Quintett nur, dass das Land weiter an einem "Possierlichkeitsimage" arbeitet, um von Armut, politischer Repression und fehlender Pressefreiheit abzulenken. Doch am meisten bringt ihn auf die Palme, dass der Westen den Köder schluckt.
Jeder hat diese schönen Worte schon einmal gehört: Der Handel wird den Wandel bringen, auf Dauer gibt es keinen Wohlstand ohne Demokratie. Kaum ein Zeitungsartikel, kaum eine Politikerrede über China kommt ohne solche Beschwichtigungen aus. James Mann will in seinem Buch "China Morgana" den Gegenbeweis führen: Politisch werde sich in den kommenden Jahren hinter der Großen Mauer absolut nichts ändern, schreibt er: "Das Land wird auf lange Sicht ein repressives Einparteiensystem bleiben."
Sind Marktwirtschaft und politische Freiheit wirklich Kuppelprodukte? Wer das glaube, so Mann, sei dem "Starbucks-Trugschluss" aufgesessen. Selbst wenn die chinesische Mittelschicht, sobald sie sich an die große Auswahl auf der Kaffeekarte gewöhnt hat, dann auch Wahlfreiheit auf dem Stimmzettel fordern würde, könnte sie kaum das kommunistische System ins Wanken bringen: "Bei nationalen Wahlen wäre die neue Mittelschicht eine unbedeutende Größe."
Um ihre Theorie vom Wandel durch Handel zu belegen, greifen China-Optimisten gern auf die Beispiele Südkorea und Taiwan zurück. Beide Staaten hätten sich im Zuge des anhaltenden Wirtschaftsbooms von autoritären Staaten zu Demokratien gewandelt. Mann weist darauf hin, dass Südkorea und Taiwan militärisch von den USA abhängig gewesen seien; entsprechend entschlossen hätte Washington demokratische Reformen durchdrücken können.
Genüsslich entlarvt der Journalist die westlichen Schönfärbereien Chinas. 2005 etwa verkündete Tony Blair bei einem Staatsbesuch in der Volksrepublik, es gebe ein "positives Momentum Richtung Demokratie". Wenig später wurde in Südchina eine Demonstration blutig niedergeschlagen, zum ersten Mal seit dem Massaker auf dem Tian'anmen-Platz 1989.
Während die internationale Politik die Sonnenseiten des Landes lobt, beschreibt Mann eine Diktatur, in der öffentliche Versammlungen von mehr als 15 Personen verboten sind und in der jeder, der "Dalai Lama" in eine Internet-Suchmaschine eingibt, Besuch von den Sicherheitsbehörden bekommt.
Eher beiläufig widmet sich Mann einer zweiten Prognose zur Zukunft des Landes: dem Aufruhrszenario. Darin kollabiert das politische System; Arbeiterstreiks, Bauernunruhen und ethnische Konflikte führen zum Zusammenbruch der Einparteienherrschaft. Mann kann auch diesem Szenario nichts abgewinnen, Beweise aus dem Alltag vor Ort bleibt er aber schuldig.
An solchen Stellen offenbart sich ein Schwachpunkt des Buches: "China Morgana" ist das Werk eines Outsiders. Mann hat seine Korrespondententätigkeit schon 1987 eingestellt und arbeitet seither überwiegend an einem Schreibtisch in Baltimore. Dennoch: Nach all den Jubelmeldungen, die aus dem Reich der Mitte kommen, liefert "China Morgana" den längst überfälligen Realitätscheck. Wirtschaftlich mag der große Drache erwacht sein, doch politisch wird er noch lange im Winterschlaf liegen.