Wenn weder Eltern noch Bekannte Arbeit haben, wenn niemand in der Familie morgens um acht Uhr aufstehen muss und kein einziger Schüler eines ganzen Jahrgangs wie an der Berliner Rütli-Hauptschule einen Ausbildungsplatz erhält, dann kann man keinem Kind vorwerfen, dass es sich "ums Lernen einen Dreck schert". Mit deutlichen Worten ergreift Ludger Wößmann Partei für jene Schüler, die im deutschen Schulsystem früh auf der Strecke bleiben. Für den Münchner Ökonomen und Ifo-Forscher sind die gescheiterten Bildungskarrieren der Neuköllkner Alis oder Achmeds weniger ein moralisches Problem. Er betrachtet sie vielmehr als einen der größten Bremsklötze der deutschen Volkswirtschaft. In seinem Buch: "Letzte Chance für gute Schulen - Die 12 großen Irrtümer und was wir wirklich ändern müssen" rechnet er vor, "dass unser Bildungssystem, das erkennbar mittelmäßige bis unterdurchschnittliche Leistungen hervorbringt", die öffentlichen Haushalte Millionen kostet.
Wößmann zieht eine Fülle international vergleichender Daten heran und kann so belegen, dass die Bildungsqualität weltweit einen immensen Einfluss auf die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) hat. Er vergleicht sowohl die Ergebnisse von Schülerleistungstests in verschiedenen Ländern als auch die wirtschaftlichen Wachstumsraten zwischen 1960 und 2000 - und stellt am Ende die Prognose: Würde Deutschland zu den Pisa-Spitzenreitern Finnland, Kanada oder Korea aufschließen, hätte dies ein Wirtschaftswachstum von 0,5 bis 0,8 Prozent zur Folge.
Seine Kernthese: "Mit einer Verbesserung der schulischen Leistungen könnten wir eine wirtschaftlich bessere Entwicklung sowie sinkende Arbeitslosenzahlen und Armut befördern." Heute ist jeder vierte Deutsche ohne mittlere Reife arbeitslos, aber nur jeder 20. Akademiker. Für Geringqualifizierte wird es in Zukunft noch weniger Jobs in Deutschland geben. Das ist inzwischen bekannt, und für Bildungsexperten sind einige Thesen Wößmanns nicht gerade neu. Doch selten präsentieren Bildungsforscher ihre Ergebnisse so pointiert, verständlich und unideologisch.
Den zwölf größten Irrtümern der Schulpolitik setzt er zwölf Lösungskonzepte entgegen, die man so manchem Kultusminister am liebsten über den Schreibtisch heften würde. Verblüffenderweise führt etwa mehr Geld nicht automatisch zu besseren Leistungen - wie das Beispiel Finnlands zeigt: Obwohl bei Pisa zwölf Plätze weiter vorn, gibt das Land nicht mehr für Bildung aus als Deutschland (siehe Kasten). Was ihre Schulen so erfolgreich macht, ist die Überprüfung durch externe Gutachter, eine selbstständige Schulleitung und Wettbewerbsförderung. Wößmann schlachtet in seinem Buch die heiligen Kühe linker wie konservativer Bildungspolitik: Er wendet sich gegen die "planwirtschaftliche" Organisation von Schulen und kritisiert auf der anderen Seite die "Vergeudung menschlicher Talente" durch Selektion und Elitenbildung.
Wer etwa die Kinderbetreuung allein den Familien überlasse, verbaue vor allem Kindern aus sozial schwachen Familien Chancen. Eine florierende Volkswirtschaft lasse sich aber nicht allein mit den 38 Prozent eines Jahrgangs erwirtschaften, die das Abitur erwerben.
Wie fast alle Bildungsexperten rüttelt auch Wößmann am dreigliedrigen Schulsystem, da die frühe Trennung der Kinder nicht zu besseren Lernerfolgen führt. Sie nützt nicht einmal den Besten: Selbst deutsche Gymnasiasten können sich nicht mit finnischen Gemeinschaftsschülern messen.
Linke Politiker werden solche Argumente freuen, dafür müssen sie sich in bunten Grafiken unter die Nase reiben lassen, wie Wettbewerb im Bildungswesen zu mehr Leistung führt. So sind Schüler tendenziell in Bundesländern besser, in denen es mehr private Schulen gibt. Staaten und Bundesländer mit externen Leistungsüberprüfungen von Lehrstandards schneiden bei internationalen Vergleichstests deutlich besser ab.
Wößmann plädiert für eine leistungsabhängige Bezahlung von Lehrern und dafür, dass Eltern entscheiden können, auf welche Schule sie ihre Kinder schicken. Mit mehr Frühförderung und einem Gemeinschaftsschulsystem würde dieser Wettbewerb auch den Schwächsten nützen.
So findet sich in Wößmanns Thesen am Ende ein zentraler Aspekt ökonomischen Denkens wieder: "Bessere Ergebnisse gibt es nur durch Anreize." Dass diese Formel nicht nur für die Wirtschaft gilt, zeigen die erfolgreichen Pisa-Länder seit Jahren.