Wäre es nicht wunderbar, wenn wir endlich das widerspenstigste unserer Organe, das Gehirn, in seiner Komplexität durchschauen und auf diese Weise seine Leistungen optimieren könnten? Wäre es nicht wunderbar, wenn die Hirnforschung uns gesamtgesellschaftlich in eine tomografische Röhre schieben könnte und uns nach dem Scannen einen Therapieplan zur Zerebraloptimierung an die Hand geben könnte? Würden dann nicht alle Misslichkeiten dieser Welt auf ein erträgliches Maß schrumpfen, hätten wir Überprimaten uns auf eine neue Ebene geschwungen, wären wir zum Übermenschen geworden?
Diesen Traum von der totalen tomografischen Selbsterkenntnis träumt die Hirnforschung inzwischen gemeinsam mit der Öffentlichkeit, und beide scheuen sich nicht, die tiefsten Probleme der menschlichen Existenz wie Willensfreiheit und Handlungsschuld auf Synapsenformat herunterzubrechen. Und so wundert es nicht, dass es inzwischen sogar bereits Lehrstühle für Neuroökonomie gibt, die die Entscheidungsfindung in Wirtschaftsdingen neurophysiologisch erforschen.
Der US-amerikanische Wirtschaftjournalist Jason Zweig hat nun ein umfangreiches Buch zur Neuroökonomie vorgelegt, das über die Zusammenfassung der einschlägigen Forschungsergebnisse hinaus einen allgemeinen Ratgeber in Anlagefragen darstellen soll. "Gier. Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht" heißt das 360-Seiten-Werk, und es bietet in der Tat eine flüssig, bisweilen angelsächsisch-flapsig geschriebene Einführung in die Forschungsansätze der Neuroökonomie. Der Anspruch ist kein geringerer als dieser: "Durch Anwendung der neuesten neuroökonomischen Erkenntnisse können Sie sichergehen, weit bessere Investitionserfolge zu erzielen als je zuvor."
Allerdings sind die nach der Reise in die wunderbare Welt der Hirnforschung gegebenen Ratschläge keine anderen als die, die der gesunde Menschenverstand ohnehin für die "Anlegerhirne" (Jason Zweig) bereithält: "Erst prüfen, dann investieren" ist etwa eines der "zehn Investment-Gebote", ein anderes "Kosten vernichten Ihr Geld".
Es ist unfreiwillig komisch, dass diese Binsenweisheiten aus den hirnforscherlichen Erkenntnissen resultieren sollen - auch wenn all die guten Ratschläge zur Risikominimierung nicht von der Hand zu weisen sind.
Wenn Zweig etwa vom besonderen Zustand der Ängstlichkeit bei Investitionen ins Ausland spricht - nach den Forschungen des Münsteraner Neuroökonomen Peter Kenning - und sich dabei auf die Stimulation jenes Hirnareals mit dem hübschen Namen Mandelkern (Amygdala) beruft, dann kann man nur feststellen, dass hier ein pseudowissenschaftlicher Popanz errichtet wird: Angst ist Angst - und dass sie irgendwo im Hirn ihren Ausgangspunkt nimmt, versteht sich von selbst. Die Mandelkernstimulation ist schön und gut - aber was können wir aus ihr schließen? Hier ist es, was die Ökonomie betrifft, genauso sinnvoll, den untersuchten Menschen schlicht zu fragen, ob er ängstlich sei, dafür braucht man keinen Tomografen.
Im Ton eines Geistes, der den großen Horizont zu erfassen meint, präsentiert Zweig simple Alltagswahrheiten, die angeblich aus einem Tierversuch mit Ratten resultieren: "Wir Menschen machen denselben Fehler (wie die Ratten), wenn wir Korrelation mit Kausalität verwechseln: Wir kaufen eine Aktie, weil eine Website sie empfiehlt, und daraus schließen wir, die Website sei eine gute Quelle für profitable Aktientipps." So dumm wird aber kaum je ein "Anlegerhirn" sein, wie Zweig es hier voraussetzt, und wenn ja: selbst Schuld.
Zweig schreckt auch nicht davor zurück, im Kapitel "Glück" allgemeine Lebenshinweise zum Glücklichsein zu geben ("Geld macht nicht unbedingt glücklich"). So komplex die wiedergegebenen neurophysiologischen Experimente auch sein mögen - ihre Verbindung zum Handwerkszeug des Investors liegt nicht auf der Hand, sie wirkt gesucht. Allenfalls auf der Ebene der Illustration von verhaltenspsychologischen Phänomenen sind sie akzeptabel, aber hier sind wir wieder beim allgemeinen Menschenverstand, auf den allein es hinausläuft - hirnforscherliche Weisheit hin oder her.
Alle paar Jahre wechselt die mutmaßliche "Leitdisziplin" der Wissenschaften und sickert mit Verzögerung auch in die Populärwissenschaft. In den 70er-Jahren war das die Linguistik, in den 80er-Jahren die Biologie, in den 90er-Jahren die Genetik, und jetzt ist es die Neurowissenschaft. Heute versucht man in Schatzgräberstimmung mit ihr alles zu erklären, was nicht niet- und nagelfest ist, so auch das Verhalten von "Anlegerhirnen".
Zweigs Buch zur Neuroökonomie krankt an der allzu naiven Wissenschaftsgläubigkeit, die er mit vielen in unserer Gesellschaft teilt, die mehr oder weniger krampfhaft auf der Höhe der Zeit sein wollen. Dass Gier eine der stärksten und gefährlichsten Emotionen ist, weiß man seit Jahrtausenden. Schön, wenn man sie im Tomografen beobachten kann. Am Umgang mit ihr, an der Notwendigkeit ihrer Zivilisierung ändert das nichts.