Schumpeter liefert das Trostpflaster für die Wirtschaftswelt: Wann immer sie am Boden liegt, wird der große Ökonom mit seiner "kreativen Zerstörung" neu entdeckt. Wie lautete noch seine beruhigende Idee? Manchmal müssen Unternehmer ihre eigenen, bis dato erfolgreichen Angebote ruinieren, um im Wettbewerb vorn zu bleiben. Diese Weisheit kramen Manager nach jeder Pleitewelle hervor - um sich selbst zu versichern, dass in der Zerstörung etwas Kreatives lag. Im Jahr 2000, als die New Economy crashte, kürte das US-Magazin "Business Week" den Wirtschaftswissenschaftler sogar zum "heißesten Ökonomen des Internetzeitalters" - ein halbes Jahrhundert nach dessen Tod.
Heute braucht die Managerseele einmal mehr Balsam, nachdem riskante Kreditgeschäfte auf dem US-Hypothekenmarkt eine globale Finanzkrise ausgelöst haben. Das Timing für eine Schumpeter-Biografie könnte also kaum besser sein: In "Die Kraft der schöpferischen Zerstörung" rollt die Journalistin Annette Schäfer das Leben eines Mannes auf, der es eigentlich nicht verdient hat, auf ein Schlagwort reduziert zu werden. Der Titel ist deshalb auch doppeldeutig zu verstehen, schließlich lagen bei Schumpeter enorme Schöpferkraft und (Selbst)-Zerstörung nah beieinander.
Er wolle als "bester Liebhaber Wiens, bester Reiter Europas und größter Ökonom der Welt" in die Geschichte eingehen, witzelte Schumpeter oft, und schob dann hinterher: "Zwei Ziele habe ich erreicht, aber leider habe ich nur einen schlechten Sattel geerbt." Was zunächst nach Zote klingt, hat durchaus einen tieferen Sinn, denn der Wissenschaftler selbst sprengte zeitlebens alle Schubladen. Und so hat es sich die Autorin zur Aufgabe gemacht, alle Seiten dieser Person Joseph Alois Schumpeter zu präsentieren.
Auf den ersten Blick scheint eine Kategorie zu reichen - die des Überfliegers: Schumpeter, 1883 als Sohn eines Tuchfabrikanten geboren, studiert in Wien Ökonomie und Jura. Mit 26 wird er Professor in Czernowitz und veröffentlicht das Buch "Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie", das wie eine Bombe einschlägt. In den Folgejahren kreisen seine Forschungen um das Thema Innovation, also darum, wie das Alte in der Wirtschaft Platz für Neues macht.
Sehr anschaulich zeichnet die Biografin Schumpeters Aufstieg zum akademischen Superstar nach. Er lehrt in Graz, Bonn und ab 1932 an der renommierten US-Universität Harvard. Die Schauplätze wechseln, doch die Geschichte bleibt immer gleich: Seine Studenten lieben Schumpeter, obwohl er sich weigert, eigene Theorien zu erklären. Seine Vorgesetzten rümpfen die Nase über den arroganten Bonvivant, der stets die besten Anzüge trägt, sich mit Prostituierten zeigt und gern feiert.
Doch was das Buch von anderen Biografien unterscheidet, ist der tiefe Blick in das Seelenleben Schumpeters. Hinter der Fassade des Dandys verbarg sich zeitlebens ein zerrissener Mensch, der immer wieder Schicksalsschläge wegstecken musste: Erst sterben Frau, Tochter und Mutter im Abstand von wenigen Monaten; dann scheitert sein Gastspiel als Bankier, genau wie ein Ausflug in die Politik - nach nur sieben Monaten als österreichischer Finanzminister muss er abdanken. Schulden, Depressionen, Selbstzweifel quälen den vermeintlichen Erfolgsmenschen. In diesen Passagen scheint die Ausbildung der Autorin, sie hat neben Volkswirtschaftslehre auch Psychologie studiert, stark durch.
Bemerkenswert ist der Detailreichtum des Buches: Schäfer reiste nach Harvard, um unveröffentlichte Originaldokumente zu sichten, und hat dafür sogar Schumpeters Kurzschrift gelernt. Das Ergebnis ist ein akribisches Protokoll von Schumpeters diversen Richtungswechseln: Er prognostiziert den Sieg des Sozialismus, verbündet sich mit Marxisten, sympathisiert im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland und macht sich damit in Harvard zum Paria. Doch es sind die Kleinigkeiten, mit denen Schäfer die historische Figur zum Leben erweckt - wie etwa ihre Marotte, sich selbst am Ende eines Arbeitstags im Tagebuch eine Schulnote einzutragen.
All das präsentiert die Autorin in einer flüssigen, unakademischen Sprache. Gewöhnungsbedürftig ist nur der Aufbau des Buches: Schäfer steigt mit Schumpeters Berufung nach Harvard 1932 ein und erzählt die Lebensgeschichte in Rückblicken, was mitunter verwirrt. Außerdem nimmt die psychologische Analyse mehr Raum ein als die Theorien des Wirtschaftswissenschaftlers; Nichtvolkswirten dürfte das aber kaum etwas ausmachen.
"Die Kraft der schöpferischen Zerstörung" stellt einer breiten Leserschaft einen schillernden Nationalökonomen vor, wie er heutzutage nie und nimmer in einem Sachverständigenrat sitzen könnte. Ein gutes Buch - übrigens nicht nur für Zeiten schlechter Konjunktur.