FTD.de » Management + Karriere » Management » Kreativer Selbstzerstörer
  FTD-Serie: Wissen

FTD.de präsentiert Grundlagen- und Expertenwissen zu Innovationen und Strategiemanagement. Dazu eine Linksammlung, Case Studies und wissenschaftliche Beiträge, die den steinigen Weg zum Erfolg ebnen. Teilen Sie Ihr Wissen mit den FTD-Lesern. Schicken Sie uns Ihre Favoriten in Sachen Management-Wissen: zerstoerer@ftd.de

Merken   Drucken   17.01.2008, 19:19 Schriftgröße: AAA

Wirtschaftsbücher: Kreativer Selbstzerstörer  

Eine Biografie über Joseph A. Schumpeter gibt Einblicke in das Seelenleben des großen Ökonomen. Hinter der Fassade des Dandys verbargen sich Selbstzweifel und Depressionen. von Constantin Gillies
Schumpeter liefert das Trostpflaster für die Wirtschaftswelt: Wann immer sie am Boden liegt, wird der große Ökonom mit seiner "kreativen Zerstörung" neu entdeckt. Wie lautete noch seine beruhigende Idee? Manchmal müssen Unternehmer ihre eigenen, bis dato erfolgreichen Angebote ruinieren, um im Wettbewerb vorn zu bleiben. Diese Weisheit kramen Manager nach jeder Pleitewelle hervor - um sich selbst zu versichern, dass in der Zerstörung etwas Kreatives lag. Im Jahr 2000, als die New Economy crashte, kürte das US-Magazin "Business Week" den Wirtschaftswissenschaftler sogar zum "heißesten Ökonomen des Internetzeitalters" - ein halbes Jahrhundert nach dessen Tod.
Heute braucht die Managerseele einmal mehr Balsam, nachdem riskante Kreditgeschäfte auf dem US-Hypothekenmarkt eine globale Finanzkrise ausgelöst haben. Das Timing für eine Schumpeter-Biografie könnte also kaum besser sein: In "Die Kraft der schöpferischen Zerstörung" rollt die Journalistin Annette Schäfer das Leben eines Mannes auf, der es eigentlich nicht verdient hat, auf ein Schlagwort reduziert zu werden. Der Titel ist deshalb auch doppeldeutig zu verstehen, schließlich lagen bei Schumpeter enorme Schöpferkraft und (Selbst)-Zerstörung nah beieinander.
Er wolle als "bester Liebhaber Wiens, bester Reiter Europas und größter Ökonom der Welt" in die Geschichte eingehen, witzelte Schumpeter oft, und schob dann hinterher: "Zwei Ziele habe ich erreicht, aber leider habe ich nur einen schlechten Sattel geerbt." Was zunächst nach Zote klingt, hat durchaus einen tieferen Sinn, denn der Wissenschaftler selbst sprengte zeitlebens alle Schubladen. Und so hat es sich die Autorin zur Aufgabe gemacht, alle Seiten dieser Person Joseph Alois Schumpeter zu präsentieren.
Auf den ersten Blick scheint eine Kategorie zu reichen - die des Überfliegers: Schumpeter, 1883 als Sohn eines Tuchfabrikanten geboren, studiert in Wien Ökonomie und Jura. Mit 26 wird er Professor in Czernowitz und veröffentlicht das Buch "Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie", das wie eine Bombe einschlägt. In den Folgejahren kreisen seine Forschungen um das Thema Innovation, also darum, wie das Alte in der Wirtschaft Platz für Neues macht.
Sehr anschaulich zeichnet die Biografin Schumpeters Aufstieg zum akademischen Superstar nach. Er lehrt in Graz, Bonn und ab 1932 an der renommierten US-Universität Harvard. Die Schauplätze wechseln, doch die Geschichte bleibt immer gleich: Seine Studenten lieben Schumpeter, obwohl er sich weigert, eigene Theorien zu erklären. Seine Vorgesetzten rümpfen die Nase über den arroganten Bonvivant, der stets die besten Anzüge trägt, sich mit Prostituierten zeigt und gern feiert.
Doch was das Buch von anderen Biografien unterscheidet, ist der tiefe Blick in das Seelenleben Schumpeters. Hinter der Fassade des Dandys verbarg sich zeitlebens ein zerrissener Mensch, der immer wieder Schicksalsschläge wegstecken musste: Erst sterben Frau, Tochter und Mutter im Abstand von wenigen Monaten; dann scheitert sein Gastspiel als Bankier, genau wie ein Ausflug in die Politik - nach nur sieben Monaten als österreichischer Finanzminister muss er abdanken. Schulden, Depressionen, Selbstzweifel quälen den vermeintlichen Erfolgsmenschen. In diesen Passagen scheint die Ausbildung der Autorin, sie hat neben Volkswirtschaftslehre auch Psychologie studiert, stark durch.
Bemerkenswert ist der Detailreichtum des Buches: Schäfer reiste nach Harvard, um unveröffentlichte Originaldokumente zu sichten, und hat dafür sogar Schumpeters Kurzschrift gelernt. Das Ergebnis ist ein akribisches Protokoll von Schumpeters diversen Richtungswechseln: Er prognostiziert den Sieg des Sozialismus, verbündet sich mit Marxisten, sympathisiert im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland und macht sich damit in Harvard zum Paria. Doch es sind die Kleinigkeiten, mit denen Schäfer die historische Figur zum Leben erweckt - wie etwa ihre Marotte, sich selbst am Ende eines Arbeitstags im Tagebuch eine Schulnote einzutragen.
All das präsentiert die Autorin in einer flüssigen, unakademischen Sprache. Gewöhnungsbedürftig ist nur der Aufbau des Buches: Schäfer steigt mit Schumpeters Berufung nach Harvard 1932 ein und erzählt die Lebensgeschichte in Rückblicken, was mitunter verwirrt. Außerdem nimmt die psychologische Analyse mehr Raum ein als die Theorien des Wirtschaftswissenschaftlers; Nichtvolkswirten dürfte das aber kaum etwas ausmachen.
"Die Kraft der schöpferischen Zerstörung" stellt einer breiten Leserschaft einen schillernden Nationalökonomen vor, wie er heutzutage nie und nimmer in einem Sachverständigenrat sitzen könnte. Ein gutes Buch - übrigens nicht nur für Zeiten schlechter Konjunktur.

Dieses ist ein kostenpflichtiger Inhalt der FTD. Bitte melden Sie sich an, um fortzufahren!

Abonnenten
Sie haben kostenlosen Zugang zum Weiterlesen oder Herunterladen. Bitte melden Sie ich mit Ihren Zugangsdaten über die Anmeldebox an.

Nicht-Abonnenten
Wenn Sie Interesse an einem FTD-Abo haben, informieren Sie sich über die verschiedenen Abo-Angebote unter www.ftd.de/abo-vergleich.

Alternativ können Sie für den Zugriff auf den gewünschten Inhalt ein Tagesticket erwerben. Für den Erwerb eines Tagestickets müssen Sie bei uns registriert sein (zur Registrierung). Nach Registrierung melden Sie sich einfach über die Anmeldebox an. Anschließend können Sie das Tagesticket erwerben.

Das Tagesticket bietet für 2,50 € einen 24-Stunden-Vollzugriff auf...

  • ...alle Premium-Artikel auf FTD.de
  • ...das aktuelle ePaper (Zeitung als PDF) und 1-Monats-Archiv der FTD
  • ...die Nachmittagsausgabe FTD 17 Uhr (PDF)
  • ...alle Sonderbeilagen der FTD (PDF)
  • ...alle älteren Ausgaben der FTD über einen Archiv-Zugang
  • ...alle archivierten Online-Artikel
Login

Statten Sie Ihre Mitarbeiter oder Key-Accounts mit dem Informationsangebot der FTD aus. Über Unternehmenslösungen für Abonnements oder Online-Zugänge informiert Sie gern unsere Abteilung Business Cooperations, corporate-solutions(at)ftd.de.

Bei Fragen rund ums Abo wenden Sie sich bitte an unsere Service-Zentrale unter kundenservice@ftd.de
Bei Fragen oder Problemen zu Ihrer Einzelverkaufsabrechnung wenden Sie sich bitte direkt an Click & Buy
  • Aus der FTD vom 18.01.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
enable2start+Gründerszene
  • Neue Software: Die Orderbird-Kasse schwärmt aus

    Orderbird erweitert seine Kassen-App. Die neue Version verbindet alle Geräte eines Restaurants und fasst ihre Umsätze in einem einzigen Tagesbericht zusammen. Zur Belohnung fliegen die Gründer mit allen Mitarbeitern nach Portugal. mehr

  14.05. Wissenstest Kennen Sie Nordrhein-Westfalen?

NRW hat einen neuen Landtag gewählt. Das Land zwischen Rhein und Weser hat viele Eigen- und Besonderheiten. Was wissen Sie über das größte deutsche Bundesland?

Mit welchem Versprecher erlangte die WDR-Moderatorin Carmen Thomas zweifelhafte Berühmtheit?

Wissenstest: Kennen Sie Nordrhein-Westfalen?

Alle Tests

  24.05. Kopf des Tages Sergio Marchionne - Der Puzzlemeister
Kopf des Tages: Sergio Marchionne - Der Puzzlemeister

Der Fiat-Chef hat den kleinen Autokonzern durch die Fusion mit Chrysler vor dem Untergang gerettet. Doch das reicht nicht. Nun holt er auch noch Mazda dazu mehr

 



  •  
  • blättern
MANAGEMENT

mehr Management

GRÜNDUNG

mehr Gründung

RECHT + STEUERN

mehr Recht + Steuern

KARRIERE

mehr Karriere

BUSINESS ENGLISH

mehr Business English

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote