Einem Menschen beim Denken zuzusehen, kann horizonterweiternd, vergnüglich oder anstrengend sein. Im besten Fall provoziert es neue Gedanken, im schlechtesten ein Kopfschütteln. Bei Wolfgang Engler lässt sich alles zugleich erleben, denn dieser Autor arbeitet mit dem Gehirn wie ein Bodybuilder an der Kraftmaschine: Jedes Muskelchen muss strapaziert werden! Seine populäre Forderung nach einem "auskömmlichen Grundeinkommen", die er in seinem neuen Buch "Unerhörte Freiheit" stellt, ist so zum naturrechtlichen Exkurs geraten, der vor selbstreferenziellen Schleifen, mannigfaltigen Paradoxien und Schachtelsätzen nicht zurückschreckt - als stünde der Autor ständig vor dem Spiegel und betrachte seine durchtrainierte Gehirnmasse mit eitel Wohlgefallen.
Nun denn: Wolfgang Engler, der gelernte (Ost-)Soziologe, will Philosoph sein, keinesfalls Kaufmann, und diese unerhörte Freiheit ist jedem gegeben, der ein auskömmliches Gehalt als staatlich besoldeter Rektor einer Schauspielschule bezieht. Von dieser sicheren Warte aus lässt sich ein Gesellschaftsvertrag statuieren, der als Menschenrecht daherkommt und sich nicht darum kümmert, wer einst dafür bezahlt. "Die Fanfare einer kühnen sozialen Utopie" soll eben nicht "im Handgemenge ihrer voreiligen Verwirklichung" untergehen.
Wenn nur einer, tönt Utopist Engler, in einer hoch effizienten Industriegesellschaft seinen Le-bensunterhalt nicht mehr durch "gute Arbeit" erwirtschaften könne, sei dies Begründung genug, um eine allgemeine Basisversorgung einzuführen. Denn Naturrechte heben nicht auf die große Zahl ab, sondern auf den exemplarischen Einzelfall.
Die Krux liegt im Begriff der "guten Arbeit". Da irrt Wolfgang Engler trostlos in der Vergangenheit herum. Der 1952 geborene Autor kann seine DDR-Sozialisation nicht abstreifen, sein Blick nach vorn ist immer durch den Blick nach hinten versperrt. Über den stupiden Arbeitsbegriff der Marxisten kommt er kaum hinaus, kulminierend im Irrtum, Arbeit sei eine fixe Größe, die man umverteilen könne. Dass schon jenseits der bäuerlichen Urhorde Arbeit zum fluiden und damit unbegrenzten Stoff geworden ist, der auf zwischenmenschlichen Abmachungen beruht, bleibt Engler so fremd wie die reale Marktwirtschaft, die er mit Begriffsklischees aus dem 19. Jahrhundert überzieht.
Götz Werner, Chef der Drogeriekette DM und Autor von "Einkommen für alle", ist da mit seinen Überlegungen zur Überproduktionsgesellschaft schon weiter - nämlich bei der Erkenntnis angelangt, wie gering der Anteil von menschlicher Beschäftigung an der Güterproduktion heute ausfällt. Derweil gibt sich Wolfgang Engler noch der Illusion einer "abwählbaren Arbeit" hin, sobald jedermann an den materiellen Wohlstand angekoppelt sei. Vielleicht sollte er lieber mal einen Tag lang protokollieren, wie viel nicht durch Maschinen substituierbare Arbeit ihm allein in 24 Stunden begegnet.