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  FTD-Serie: Wirtschaftsbücher

Neue Ideen zur Unternehmensführung, wirtschaftspolitische Analysen oder Porträts von Firmen und Entscheidern: FTD-Online stellt in ausführlichen Rezensionen die interessantesten Wirtschaftsbücher auf dem deutschen und dem englischsprachigen Buchmarkt vor.

Merken   Drucken   27.03.2008, 19:13 Schriftgröße: AAA

Wirtschaftsbücher: Putins Vorläufer, Sarkozys Vorbild  

Johannes Willms porträtiert Frankreichs großen Modernisierer Napoleon III. von Florian Felix Weyh
In 18-jähriger Regentschaft hat er seinem Land wirtschaftliche Prosperität beschert und das Stadtbild von Paris nachhaltig verändert. Dann starb er kurz nach dem verlorenen deutsch-französischen Krieg von 1870/71 im Exil und machte seinen Gegnern die Verfemung leicht. Spott war noch das Mildeste, was der letzte Kaiser der Franzosen als Nachruf erfuhr. Eine Fehleinschätzung, sagt nun der Historiker Johannes Willms in einer neuen Biografie. Denn mit Napoleon III. war jener autoritäre Herrscher am Horizont aufgezogen, der Rücksicht auf Wählerempfindlichkeiten nimmt, ohne dabei den eigenen Machtanspruch aus den Augen zu verlieren. Ein durchaus aktuelles Phänomen, wie ein überliefertes Bonmot des Kaisers verdeutlicht: "Ich möchte gern mit dem Wasser des allgemeinen Wahlrechts getauft sein, aber ich möchte nicht damit leben, mit den Füßen im Wasser zu stehen."
So nahm der Spross aus dem Hause Bonaparte den Weg an die Staatsspitze über Wahlen. Als "Prince-Président", der unverhohlen die Kaiserkrone anstrebte, erweiterte er zur Verblüffung seiner Gegner das strenge Zensuswahlrecht zum Wahlrecht für alle. Ein Paradox? Nein, anders als der rückständige französische Adel begriff Napoleon III., dass autoritäre Herrschaft ohne Zustimmung der Bevölkerung scheitern muss. Selbst seinen keineswegs unblutigen Griff zur Krone ließ er sich nachträglich plebiszitär legitimieren. Der Erfolg sprach Bände: "Frankreich hat verstanden, dass ich die Legalität verlassen habe, um ins Recht einzutreten. Mehr als sieben Millionen Stimmen gewähren mir Vergebung." Lange vor Carl Schmitt taucht hier der Gesetzesverstoß als Heilmittel gegen vermeintliches politische Chaos auf - spätere Potentaten griffen auf diese Denkfigur gern zurück.
So verweist das Buch fortwährend auf zeitgenössische Vorgänge. Passagenweise scheint Napoleon III. den Weg Wladimir Putins vorangeschritten zu sein, der ebenfalls mit den Fesseln demokratisch begrenzter Herrschaftszeiten hadert. Historiker haben im letzten französischen Kaiser schon immer einen Vorläufer moderner Diktatoren à la Mussolini oder Franco gesehen. Zu ihnen betont Willms allerdings einen entscheidenden Unterschied: Napoleon III. begründete keine Partei und hing keiner fest umrissenen Ideologie an. "Er war vor allem Opportunist", schreibt der Biograf und rückt ihn damit noch näher an die "Demokratur" russischer Prägung heran. Das passende Label heißt hier wie da "Bonapartismus". Wirtschaftlich regiert man liberal, politisch restriktiv mit Zensur und Unterdrückung, verliert aber nie das Umsturzpotenzial der Massen aus den Augen. Sie zu beschwichtigen ist dem Bonapartisten stets wichtiger als der Beifall alter Eliten.
Traurige Pointe: Eben jener vom ersten Napoleon erfundene und vom dritten nur verfeinerte Bonapartismus hat Europa jenen Modernisierungsschub verliehen, dem wir den bürgerlichen Rechtsstaat wie die funktionierende Marktwirtschaft verdanken. Wer will, kann daraus den Schluss ziehen, dass grundlegende Reformen selbst in Republiken nur um den Preis eines kräftigen Anteils Bonapartismus gelingen. Darum haben die Franzosen zu ihrem neuen "Wahlkönig" Nicolas Sarkozy erkoren, dessen bonapartistische Züge auf der Hand liegen. Zunächst handelten sie sich damit allerdings nur die bizarre Seite Napoleons III. ein: amouröse Abenteuer und Luxusliebe. Aber die Reformen kommen ja vielleicht noch.

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