Die gute Nachricht kommt aus Karlsruhe: "Das ökonomische Modell des Anstands funktioniert, es ist profitabel." Verkündet da das Bundesverfassungsgericht eine neue Soziallehre? Nein, es ist der Parlamentskorrespondent der "taz", Hannes Koch, der nach Keimzellen der Gerechtigkeit im Kapitalismus sucht. Nicht fernab der Realität in politischen Zirkeln, sondern in mittelständischen Betrieben.
Und er wird fündig: bei Götz Werner in der Karlsruher DM-Zentrale, im hessischen Niestetal beim Solartechnikhersteller SMA. Ja selbst Branchenriesen wie Henkel oder Otto können moralisch gute Firmen sein, die soziale und ökologische Standards etablieren, ohne dabei Gewinnchancen einzubüßen.
"Soziale Kapitalisten" nennt Koch diese Unternehmer, denen das Wohl ihrer Mitarbeiter und der Umwelt mehr am Herzen liegt als eine zweistellige Rendite. Als Erben der sozialen Marktwirtschaft hätten sie den lang ersehnten dritten Weg zwischen gängelnder Staatswirtschaft und globalisierter Laisser-faire-Ökonomie einschlagen. Man spürt diesen Traum des Autors in jeder Zeile, bemerkt aber rasch die Unschärfe des titelgebenden Begriffs. Denn Koch wirft Dinge in einen Topf, die wenig miteinander zu tun haben. Wer in ökologischen Produkten eine Marktnische entdeckt, das legt vor allem das Porträt des "Öko-Test"-Machers Jürgen Stellpflug nahe, kann in puncto Mitarbeiterführung durchaus steinzeitlich agieren - das Gute wird hier nur von der Ware repräsentiert. Wer hingegen auf hohe Sozialstandards setzt, braucht nicht automatisch ein ökologisch reines Gewissen zu haben. Zu guter Letzt sind Menschen wie die Fundraiserin Konstanze Frischen zwar unbestritten sozial, aber keine Unternehmer im eigentlichen Sinne: Sie verschenken Geld, fremdes zumal.
So sucht Koch nach geeigneten Protagonisten, stößt aber nur selten auf eine Idealgestalt wie Günther Cramer. Der stellt in seiner Solarfirma SMA umweltnützliche Produkte her und tritt seinen Angestellten als gütiger Patriarch gegenüber: 16 Prozent des Vorsteuergewinns gehen an seine Mitarbeiter. Eine ähnliche Revolution fand beim Büromöbelhersteller Wilkhahn schon kurz nach dem Krieg statt, doch der Langzeitversuch fiel entmutigend aus. Während Gründer Fritz Hahne noch 50 Prozent des Gewinns an die Angestellten verteilte und sie zu einem Viertel an der Firma beteiligte, kündigte sein Sohn die Betriebsvereinbarung. Die fetten Jahre waren vorbei. "Gute" Unternehmer brauchen eben den Rückenwind einer günstigen Branchenkonjunktur.
Wenn Journalisten vom verstreuten Einzelstück zum Buch gelangen, juckt es sie in den Fingern, aus singulären Beobachtungen eine Theorie zu zimmern. Koch macht da keine Ausnahme. Vor- und Nachwort bestehen aus den üblichen Phrasen der Globalisierungsgegner und lohnen - anders als die Porträts - kaum der Lektüre. Und es ist zu bezweifeln, dass der Autor die Motivation seiner Porträtierten recht verstanden hat. Nachdem er zuvor die Freiheit des Individuums lobte, aus eigenem Antrieb gut sein zu können, schlägt er allen Ernstes Gesetzesregelungen vor: "Die Politik kann die Latte höher legen, wenn sie es nur will. Gelänge dies, müssten sich alle Unternehmen so verhalten, wie die sozialen Kapitalisten es teilweise heute schon tun."
Wenn aber Unternehmer per Dekret etwas tun müssen, verändert dies ihr Denken nicht, sondern befördert nur die Suche nach Ausweichstrategien. Schon endet der schöne Traum vom dritten Weg wieder im orthodoxen Staatsdirigismus und ewigen Kampf der Individualisten gegen ihn.