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Merken   Drucken   14.06.2011, 14:28 Schriftgröße: AAA

Englisch als Verschleierungstaktik?: Man spricht kaum deutsch

In Geschäftsberichten von DAX-Konzernen stehen auf jeder Seite im Schnitt 14 englische Wörter. Ein Wirtschaftsprofessor aus dem Saarland schlägt Alarm: Die Unternehmen machten sich damit strafbar. von Nikolaus Hammerschmidt und Claus G. Schmalholz, Hamburg
"Private Clients", "Asset-Management", "Leveraged Debt Capital Markets" - mit der deutschen Sprache haben die Geschäftsberichte der DAX-Unternehmen nur bedingt zu tun. Wie schlimm es wirklich ist, hat nun der Leiter des Instituts für Wirtschaftsprüfung an der Universität des Saarlandes untersucht. Michael Olbrich analysierte die Berichte aller DAX-30-Konzerne aus dem Geschäftsjahr 2009. Das Ergebnis: Im Durchschnitt stehen 14 englische Wörter auf jeder Seite.
Doch nicht nur das Sprachgefühl sieht der Wirtschaftsprofessor verletzt. Olbrich zufolge machen sich die Unternehmen strafbar - wegen "Verschleierung". Denn in Paragraf 244 des Handelsgesetzbuchs (HGB) heißt es: "Der Jahresabschluss ist in deutscher Sprache und in Euro aufzustellen."
Die Realität sieht etwas anders aus. Vor allem in den Geschäftsberichten von Deutscher Bank, Siemens und SAP wimmelt es vor Anglizismen. Das größte deutsche Kreditinstitut liegt - gemessen am Anteil englischer Wörter im Gesamttext - mit 5,65 Prozent an erster Stelle. Insgesamt 8724-mal trifft der Leser in seinem Bericht auf Englisch. "Diese Vokabeln muss der Leser alle lernen, um den Text zu verstehen", sagt Olbrich. "Der Verdacht liegt nahe, dass die Konzerne dadurch einige Dinge in den Geschäftsberichten undurchsichtig machen wollen."
Englisch als Verschleierungstaktik? Die Konzerne weisen das vehement zurück. Beim Versorger Eon  etwa heißt es, man verwende "als Unternehmen, das in rund 30 Staaten geschäftlich aktiv ist und Mitarbeiter aus 40 Ländern beschäftigt, selbstverständlich besonders in der Finanzkommunikation englischsprachige Begriffe". Wörter wie "Cashflow" seien Standardvokabular von Anlegern. "Wir können beim besten Willen nicht nachvollziehen, dass der Gebrauch dieser Begrifflichkeiten bestimmte Dinge verschleiern würde", sagt auch eine Sprecherin von K+S. Der Dünger- und Salzkonzern schneidet in Olbrichs Studie übrigens am besten ab - mit einem Englischanteil von 1,77 Prozent.
Viel zu befürchten haben die Konzerne wohl nicht. "Das Problem ist, dass es keine Instanz gibt, die das sanktionieren könnte", sagt Dirk Hachmeister, Experte für Rechnungswesen an der Universität Hohenheim. Selbst wenn sich ein Kläger fände - fraglich sei, ob eine Klage überhaupt angenommen würde. Weswegen es "faktisch keine Handhabe" gebe. Außer vielleicht einem Englisch-Crashku..., Pardon, -Intensivkurs.

Englisch in den DAX-Geschäftsberichten 2009
Unternehmen Anteil englischer Wörter an allen Wörtern in % Gesamtzahl englischer Wörter Anzahl unter-schiedlicher Wörter Gesamtzahl englischer Wörter pro Seite
Deutsche Bank 5,65 8.724 391 20
Siemens 5,51 8.594 395 25
SAP 5,28 5.971 301 22
Deutsche Börse 5,14 5.225 325 22
Commerzbank 4,95 5.769 465 17
Deutsche Post 4,46 4.647 342 19
Deutsche Telekom 4,21 4.417 407 19
Metro 4,13 3.859 247 15
Eon 4,07 4.407 272 16
BASF 4,05 4.220 305 19
Daimler 4,02 4.337 317 16
Münchner Rück 4,01 4.758 285 13
Linde 3,84 3.442 306 15
ThyssenKrupp 3,82 3.843 253 13
Bayer 3,75 4.286 356 16
BMW 3,71 3.475 261 14
Fresenius SE 3,61 3.395 161 17
Henkel 3,56 2.186 201 15
Merck 3,56 2.015 189 12
Fresenius AG 3,40 4.118 219 15
Beiersdorf 2,95 1.306 149 9
Allianz 2,77 4.253 353 11
Deutsche Lufthansa 2,72 2.812 291 12
RWE 2,66 2.149 152 9
MAN 2,57 2.031 170 11
Infineon 2,35 2.472 259 12
Volkswagen 2,16 2.533 240 7
Salzgitter 1,92 1.306 120 4
Adidas 1,83 2.070 111 6
K + S 1,77 1.651 135 9
Quelle: "DAX-30-Geschäftsberichte im Lichte von § 244 HGB und § 400 AktG" von Michael Olbrich und Kathrin Fuhrmann
  • FTD.de, 14.06.2011
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