Wie sich das Web 2.0 zur Imagepflege verhält, muss gerade Hessens SPD-Fraktionschefin Andrea Ypsilanti erfahren. Seit Tagen kursiert auf dem Videoportal Youtube der Mitschnitt eines Gesprächs, bei dem Ypsilanti auf einen Stimmenimitator hereinfällt.
Der Komiker gibt sich als Franz Müntefering aus und entlockt der Fast-Wahlsiegerin einige Petitessen. Mäßig lustig, findet die hessische SPD, und versucht seit Tagen, den Mitschnitt aus dem Netz zu bugsieren.
Und schafft es nicht. Das kleine Video pflanzt sich fort, poppt dort auf, wo es eben noch gelöscht wurde, ist einfach nicht wegzukriegen. Die Community beweist anarchischen Witz. Und demonstriert ihre Macht.
Nicht nur gegenüber Politikern. Dirk Mohrmann empfiehlt allen Compliance Officern, gelegentlich einen Blick auf die Internetseite wikileaks.com zu werfen. "Eine klassische Web-2.0-Whistleblower-Seite", sagt der Chef des Anti-Korruptionsdienstleisters World Compliance. Auf Wikileaks stehen allerlei Dokumente, die eigentlich geheim bleiben sollten. Dokumente, die Skandale belegen, beim US-Militär, im Irak oder im Geldhaus Julius Bär. Unangenehm, wenn ein Mitarbeiter plötzlich Kontoauszüge ins Netz stellt, die belegen sollen, dass das Schweizer Bankhaus auf den Cayman-Inseln ein Geldwäschesystem betreibt.
"Ein unglaublich starkes Medium, das Internet", sagt Mohrmann. "Was einmal drin ist, kommt nie wieder raus." Wer schmiert und in fünf Jahren erwischt wird, weil die Information auf irgendeiner Internetseite auftaucht, verdient mit dem Auftrag nichts mehr.
Ein große Gefahr droht Unternehmen, "die sich nicht sorgfältig genug mit dem Thema Compliance befassen" - Mohrmanns Marktlücke. Der Dienstleister mit Sitz in Miami wertet alles aus, was öffentlich zugänglich ist: Faxe, Gerichtsdokumente, abgeschlossene Polizeiuntersuchungen. Er führt nach eigenen Angaben eine Datei zu 600.000 auffälligen Personen, deren Familienmitgliedern und Freunden. Was ist etwa, wenn die Firma, mit der man in Afghanistan ins Geschäft kommen will, den Eltern eines gesuchten Attentäters gehört? Dann, so der World-Compliance-Chef, "muss man sich fragen, wie man damit umgeht." Der Skandal wäre perfekt, wenn auf Wikileaks die Information auftaucht, wer der Sohn des afghanischen Unternehmerpaares ist.
"Compliance erhöht auch die Transparenz von Risiken", sagt Mohrmann. Mit anderen Worten: Wer viel weiß, muss sich eben auch um vieles Gedanken machen. Gerade, weil Schmiergelder kein isoliertes Phänomen sind: "Organisierte Kriminalität und Terrorismusfinanzierung sind zwei Folgen von Korruption." Irgendwo landen die Schmiergelder, in Tarngeschäften von Diktatoren und Waffenhändlern. Mit denen treibt keiner gern Geschäfte. Selbst wer ahnungslos ist, kann sich nicht herausreden: Denn er hat, so Mohrmann, nur eine schlechte Compliance betrieben.
Hendrik Schneider, Professor für Kriminologie in Leipzig, findet es fatal, Korruption immer mit Terrorismus in Verbindung zu bringen: "Wenn Sie dieser Logik folgen, können Sie das Strafrecht verschärfen bis zum Anschlag."