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Merken   Drucken   08.10.2008, 07:58 Schriftgröße: AAA

Recht + Steuern: Juristen aller Länder, verlinkt euch!

Jetzt entdecken auch Anwälte die Segnungen von Online-Netzwerken: Dort lassen sich Fälle diskutieren und preiswert lösen. Erste Plattformen sind in den USA bereits am Start. von Thoralf Schwanitz
Bierselige Partyfotos halb nackter Studenten sind eine ungünstige Umgebung für den Aufbau seriöser Geschäftskontakte. Große Onlinenetzwerke wie StudiVZ oder Facebook haben daher keine Chance, Juristen für sich zu gewinnen, die einen - natürlich streng seriösen - fachlichen Gedankenaustausch im Internet suchen. Und Businessplattformen wie Xing oder Linkedin stehen allen Berufsrichtungen offen, sodass die Zunft der Rechtsberater auch dort eine gewisse Exklusivität vermisst.
Die Konsequenz: Bislang waren die Juristen heimatlos. Es gab kein großes Onlinenetzwerk, das sich gezielt an Rechtsanwälte und Richter wendet. Ein Netzwerk von Juristen, für Juristen, über Juristisches.
Mit der Seite www.legalonramp.com soll sich das ändern. Sie soll nach dem Willen ihrer Betreiber endlich den internationalen Onlineklub für Juristen bieten, der bisher fehlte.
Im Netz: Nach Xing, Facebook und MeinVZ kommen nun auch erste ...   Im Netz: Nach Xing, Facebook und MeinVZ kommen nun auch erste Onlinecommunitys für Juristen
Legal Onramp bedeutet in etwa "juristische Autobahnauffahrt". 5400 Nutzer sind schon dabei, allein 426 haben sich im vergangenen Monat angemeldet. Sie kommen aus den USA, Großbritannien und Deutschland, aber auch Ländern wie etwa Sri Lanka oder Pakistan. Paul Lippe, CEO von Legal Onramp, findet, dass Web-2.0-Technologie geradezu logisch zur Arbeitsweise von Juristen passt: "Rechtsabteilungen wollen möglichst effizient arbeiten und Sozietäten mit ihren potenziellen Mandanten in Kontakt treten." Gemeinsam mit Mark Chandler, dem Chefsyndikus des US-Netzwerkausrüsters Cisco Systems, hat Lippe Legal Onramp aufgezogen, beide sind Silicon-Valley-Veteranen.
Chandler hat ein schönes Gleichnis parat, mit dem er das überholte Selbstverständnis vieler Anwaltskanzleien infrage stellt: "Wenn Black & Decker sagen würde, unser Geschäftsmodell ist die Herstellung von Bohrmaschinen, würde ich entgegnen: Nein, letztlich ist Ziel eurer Arbeit das Bohrloch im Holz."
Lösungen für rechtliche Probleme finden - Unternehmensjuristen sollen mit Legal Onramp viele Fragen im Dialog zügig klären können. Etwa 130 Legal-Nutzer stammen aus Deutschland. Zu je einem Drittel seien dies Unternehmensjuristen, Anwälte deutscher Kanzleien und Anwälte aus den hiesigen Niederlassungen angloamerikanischer Law-Firms, sagt Paul Lippe.
Sein Kompagnon Mark Chandler glaubt nicht, dass neue juristische Webnetzwerke den Anwälten die Arbeit wegnehmen. Für spezielle Aufgaben bleibt immer noch die Kanzlei sinnvoll, die auf Stundenbasis abrechnet. Es gibt aber viele alltägliche Standardfragen, die in Unternehmen auftauchen. Und für die muss man nicht immer gleich eine Armada von Anwälten beauftragen. Sondern kann einfach mal die Runde im Onlinenetzwerk fragen.
Legal Onramp ist unterteilt in einen öffentlichen Bereich und die "Private Onramps". Zum Blick auf diese Seiten einzelner Unternehmen und Kanzleien können ausgewählte Nutzer eingeladen werden. Auch Cisco hat einen internen Bereich - er heißt "Legal Onramp Exchange". Der sei mittlerweile, sagt Mark Chandler, das zentrale Werkzeug zum Wissensaustausch innerhalb der Cisco-Rechtsabteilung.
Zudem leistet sich Legal Onramp Türsteher. Jede Anmeldung wird auf Plausibilität überprüft - also darauf, ob wirklich ein Jurist dahintersteckt. Und wer einmal drin ist, muss sich weiterhin ordentlich benehmen. Mitglieder, die mit unprofessionellen Kommentaren auffallen, werden hinauskomplimentiert - durch Löschung ihres Profils. Legal Onramp zeigt außerdem alle Forenbeiträge von Nutzern auch auf deren jeweiligen Profilseiten an. Als Beispiel für die vorbildliche Etikette seiner Nutzer führt Paul Lippe an, dass er bisher noch nie ungebeten auf seinem Handy angerufen worden sei. Und das, obwohl seine Telefonnummer in seinem Profil steht.
Nicht nur Chandler und Lippe haben den Markt erkannt. Auch Lexisnexis, einer der führenden Anbieter juristischer Fachinformationen, baut gerade eine eigene Onlineplattform auf: Martindale-Hubbell Connected soll Anfang 2009 allen interessierten Juristen offen stehen, berichtet Derek Benton von Lexisnexis. Derzeit probieren noch etwa 100 ausgewählte Tester aus 22 Ländern die neue Webseite aus.
Sowohl Legal Onramp als auch Martindale-Hubbell Connected bieten das Standardprogramm sozialer Netzwerke im Internet: Nutzer können sich gegenseitig in persönliche Kontaktlisten aufnehmen und dann sehen, über wie viele Ecken sie mit weiteren Mitgliedern bekannt sind. "Aber die Angebote müssen mehr leisten als nur die Katalogisierung von Geschäftskontakten", sagt Lexisnexis-Manager Derek Benton. So können die Nutzer auch eigene Gruppen zu besonderen Diskussionsthemen bilden. Das Forum "German Law" etwa wird bei Legal Onramp täglich größer. Für Unternehmensjuristen interessant: Sie können die Arbeit ihnen bekannter Kanzleien bewerten und so zu deren Renommee beitragen - oder eben Kritik üben.
Wie die zur Zurückhaltung neigende Juristenzunft die neuen Angebote annehmen wird, muss sich noch zeigen. Legal-Onramp-Chef Lippe will in den kommenden zwei Jahren 150.000 Nutzer werben. Fantasterei? Wenn der Klub von Martindale-Hubbell Connected im kommenden Jahr eröffnet, können die Zahlen verglichen werden.
  • FTD.de, 08.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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