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Merken   Drucken   08.02.2011, 10:37 Schriftgröße: AAA

Recht + Steuern: Unser Recht soll schöner werden

61 Prozent der Bevölkerung verstehen die Briefe von Behörden und Gerichten nicht. Germanistikstudenten versuchen deshalb, Gesetze verständlich umzuschreiben. von Alexandra Zykunov, Hamburg
Ganze 28-mal taucht das Wort "Einfriedung" im Nachbarschaftsgesetz (NbG) von Sachsen-Anhalt auf. Wer Google nach einer Einfriedung fragt, erhält fast 40.000 Treffer - und verzweifelte Forumseinträge mit der Frage, was genau darunter zu verstehen ist. "Eine Einfriedung ist die Abgrenzung des Grundstücks durch einen Zaun oder eine Hecke", sagt Gerd Antos. "Im Streit um ihre Höhe oder Breite können Mitmenschen schon mal zu höllischen Nachbarn werden."
Antos ist Germanistikprofessor und Leiter des Zentrums für Rechtslinguistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er kennt sich aus mit dem Juristendeutsch. Vor allen Dingen mit dem des NbG. Im Rahmen des Projekts "Bürgernahe Gesetze" hat er gemeinsam mit seinen Studenten das NbG von Sachsen-Anhalt umgeschrieben und verständlicher formuliert. Seine Verbesserungsvorschläge liegen jetzt dem Rechtsausschuss des Landtags vor.
Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach hat ergeben, dass 61 Prozent der Bevölkerung Schwierigkeiten haben, Schreiben aus Behörden oder Gerichten richtig zu verstehen. "Wir wollten hier etwas ändern und zeigen, dass wir diese Sorgen ernst nehmen", sagt Angela Kolb, Justizministerin von Sachsen-Anhalt. "Gerade das Nachbarschaftsgesetz wird von den Bürgern viel genutzt. Gleichzeitig ist hier die Zahl der Streitigkeiten besonders hoch." Fast 10.000 Verfahren in Nachbarschaftssachen wurden 2009 vor den Zivilgerichten ausgefochten - außergerichtliche Streitigkeiten nicht inbegriffen. Deshalb hat Sachsen-Anhalts Justizministerium Antos gebeten, das NbG sprachlich zu überarbeiten.
Zwei Semester lang hat er mit seinen Studenten an den Formulierungen gefeilt. "Das Schlimmste waren die langen Sätze mit bis zu 40 Wörtern pro Satz", sagt Studentin Christiane Rex. Auch die Satzstrukturen waren ein Problem. "Gesetzestexte haben oft ellenlange Aufzählungen, und das Verb kommt erst zum Schluss", sagt Rex. "Wir haben das Verb einfach nach vorn gezogen." Jeder der 45 Paragrafen wurde angefasst. So wurden aus langen Sätzen kurze, aus Kommata Punkte und aus "Gründungstiefe" ein "Fundament".
Natürlich wurden dem Literarischen wiederum durch das Recht Grenzen gesetzt. "Die Juristen aus dem Ministerium haben aufgepasst, dass wir den Inhalt der Gesetze nicht entstellen", sagt Antos. "So hätten wir zum Beispiel gern eine Art FAQ eingebaut. Was ist ein Nachbar, was ist eine Einfriedung und so weiter." Doch die Sprachwissenschaftler wurden schnell gebremst. In einem Gesetzestext hätten Fragen nichts verloren, hieß es dazu.

Teil 2: Manche Formulierungen auch unterhaltsam

  • FTD.de, 08.02.2011
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