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Merken   Drucken   04.11.2009, 13:48 Schriftgröße: AAA

Reiche für Reichensteuer: Das Geld der Anderen

Eine Gruppe wohlhabender Bürger kämpft für ein eigenwilliges Ansinnen: Sie will die Einführung der Vermögensteuer durchsetzen. Die Mitglieder ernten reichlich Unmut und gut gemeinte Ratschläge.
Dieter Lehmkuhl hat sich so sehr mit der Sache beschäftigt, dass sich seine Sätze manchmal überschlagen. Dann findet das Ende nicht mehr so recht zum Anfang, weil er so viele Gedanken auf einmal reinpackt. Lehmkuhls Gedanken kreisen ums Geld. Viele kennen das. Sie kennen das, weil sie zu wenig davon haben. Bei Lehmkuhl ist das anders, er hat viel. So viel, dass er nicht mehr aufhören kann, darüber nachzudenken.
Dieter Lehmkuhl   Dieter Lehmkuhl
Er denkt, dass er es nicht mehr als irgendein anderer verdient, viel Geld zu haben. Dass es ungerecht ist, dass es sich ohne sein Zutun vermehrt. Seit jungen Jahren schon belastet ihn sein Reichtum mehr, als er ihn glücklich macht. Warum, wisse er selbst nicht so genau. Aber jetzt, mit 66, weiß wie er endlich, wie man mit Geld umgehen sollte, wenn man so viel davon hat.
Im Mai hat er eine Anzeige in der "Zeit" geschaltet. Mit dem Aufruf, Reiche stärker zu besteuern. So entstand die "Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe". 45 wohlhabende Menschen sind inzwischen darin zusammengeschlossen, viele sind wie Lehmkuhl über ein Erbe zu Geld gekommen. Einige leben lieber von Erwerbsarbeit als von dem unverdienten Vermögen. Lehmkuhl war Arzt und Psychotherapeut, jetzt ist er in Pension.
Ihre gemeinsame Forderung haben die Wohlhabenden auf eine schlichte Formel gebracht: Wenn Menschen mit einem Vermögen von über 500.000 Euro zwei Jahre lang fünf Prozent von dem überschießendem Betrag abgeben, könnten rund 100 Mrd. Euro zusammenkommen. Das wäre der erste Schritt. "Das Geld soll zielgerichtet für Bildung, Soziales und Umwelt angewendet werden. Danach soll die Vermögensteuer wieder eingeführt werden, die 1997 abgeschafft wurde. Das ist nachholende Gerechtigkeit", sagt Peter Vollmer, ein Mitglied der Initiative.
Vollmers Sätze passen zum Ambiente: Ein Gartenhäuschen in einem Berliner Hinterhof, es sind die Räume von Vollmers "Stiftung für Menschenwürde und Arbeitswelt." In den Regalen Aktenordner, an den Wänden Aktionsplakate: Für Demos, gegen Sozialkahlschlag. Es gibt Lebkuchen und Instantkaffee. Man fühlt sich an ein Asta-Büro erinnert.
Lehmkuhl und Vollmer sitzen auf durchgesessenen Sofas, sie spulen Argumente ab und sehr viele Zahlen: 2,2 Millionen reiche Deutsche, denen ihre Ideen kaum wehtun würden; sie alle gehören zum oberen Fünftel der Gesellschaft, das zwar 70 Prozent der Einkommensteuer zahlt, aber nur ein Drittel des gesamten Steueraufkommens einbringt. Lehmkuhl findet das ungerecht. Er findet es ungerecht, dass sein Arbeitseinkommen in den Jahren 2000 bis 2007 leicht sank, während die Erträge seines Erbes wuchsen und wuchsen, nein, sie verdoppelten sich im gleichen Zeitraum! Er rezitiert den steigenden Gini-Koeffizienten, der die Ungleichverteilung von Vermögen misst; er spricht über die Kindersterblichkeit in Afrika und die unehrliche Debatte über die Besteuerung von Reichen in Deutschland.

Teil 2: Die Forderungen machen andere wütend

  • Aus der FTD vom 04.11.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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