Schlimm an guten Vorsätzen ist, dass sie kaum länger halten als von zwölf bis mittags - dabei meint "zwölf" die mitternächtliche Stunde, die das neue Jahr einläutet. Mit dem Rauchen aufhören, öfter zuhören und weniger streiten, früher von der Arbeit kommen und mehr Sport treiben ... Die ersten der guten Vorsätze sind spätestens am nächsten Tag gebrochen, der Rest stirbt später den schmählichen Tod klammheimlicher Vernachlässigung.
Pessimisten leiten daraus die Binse vom willigen Geist und schwachem Fleisch ab. Optimisten halten dagegen, dass dem Menschen der Trieb innewohnt, zu einem besseren Wesen zu mutieren - aus eigener Kraft und aus eigenem Antrieb. Darüber lässt sich leicht spötteln, und Gutmenschen geben ja tatsächlich hervorragende Zielscheiben ab. Wer die Welt verbessern will, und sei es nur ein klein wenig, ist - im besten Fall - uncool und macht sich - im schlechtesten Fall - lächerlich.
Ohne jetzt kultursoziologisch und -philosophisch tief gründeln zu wollen: so what? Das Konzept "cool" ist schon längst implodiert: Weil cool nur sein kann, wer nicht weiß, dass er cool ist. Sich anzustrengen, um cool zu sein, ist ausgesprochen uncool.
Wer cool sein will, ist also uncool. Diese Erkenntnis mag zwar niederschmetternd klingen, in Wirklichkeit ist sie befreiend. Wenn solche Referenzsysteme implodieren, bleiben ihre auf Dauer angelegten Alternativen stehen. Und plötzlich geht es beispielsweise darum, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Und mit uns selbst.
Genau: Das sind so Ansätze, mit denen fusselbärtige Kirchentagsgroupies und selbstgebatikte Mutter-Erde-Esoterikerinnen hausieren gehen. Vulgo: der Feind. Es ist also ein gewaltiger Sprung über den eigenen Schatten, um in den Zustand des "transcool" vorzudringen und die richtigen, die wichtigen Fragen zu stellen - und den Antworten nicht auszuweichen.
Das muss nicht gleich in ein Erweckungserlebnis ausarten, das geht auch ohne Brimborium. Wie, das zeigt ein kleines Buch, das gerade erschienen ist: "Einfach die Welt verändern im Job". Ohne messianischen Eifer werden von der "We are what we do"-Bewegung 50 Ideen vorgestellt, die während des Arbeitstages umgesetzt werden können - also 50 gute Vorsätze. Einige davon sind durchaus ambitioniert, andere sind mehr als umsetzbar: "Merk dir die Namen der Leute!" oder " Verteile mehr Lob!". Das klingt als Ziel ebenso erreichbar wie die Aufforderungen "Benutze deinen Stift, bis er leer ist" oder "Zieh dein Ladegerät aus der Steckdose". No problem! Wenn das schon reicht, um ein besserer Mensch zu werden ...
Das ist das Schöne an den Vorschlägen in diesem ansprechend aufgemachten Büchlein: Jeder bestimmt selbst, wie hoch die Latte liegt. Denn irgendwann nimmt der gute Vorsatz den Kampf auf mit dem inneren Schweinehund. "Iss Obst statt Kekse" kostet schon mehr Selbstüberwindung, ebenso wie für manche Chefs die Herausforderung "Lass deine Tür offen".
Ob das klappt oder nicht, ist letztlich zweitrangig. Das Ziel ist erreicht, wenn jeder von uns weniger acht- und gedankenlos durchs Leben stolpert. Der entscheidende Satz steht mitten im Buch, so groß, dass er nicht zu übersehen ist: "Versuche nicht mehr zu haben, sondern mehr zu sein." In Zeiten, in denen die meisten von uns weniger haben werden, ist das nicht der schlechteste Tipp.
Einfach die Welt verändern im Job Pendo 2006 | 112 S. | 9,90 Euro | ISBN 9783866121034