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Merken   Drucken   05.09.2006, 12:23 Schriftgröße: AAA

Allein unter Japanern  

Der Ire Niall Murtagh heuerte in den 90er Jahren bei Mitsubishi an – als ganz normaler Angestellter. Amüsant erzählt er vom Fremdeln als Europäer in der Welt der "Salarymen". von Michael Prellberg
Die japanische Fahne   Die japanische Fahne
Natürlich ist es lustig, wenn am Ende des Arbeitstags das schottische Traditional "Auld Lang Syne" in ohrenbetäubender Lautstärke durch die Büros geblasen wird, auf dass niemand der Angestellten Überstunden macht. Nur mittwochs, versteht sich, ansonsten sind Überstunden ein Muss! Natürlich ist es amüsant, wenn dieselben Angestellten beim schriftlichen Gesundheitscheck gefragt werden, ob ihr Mundgeruch andere Menschen belästige. Und sie ausplaudern sollen, ob sie zum Frühstück Brot essen oder Reis. Oder beides. Nicht zu toppen ist das gemeinsame Singen des Firmensongs samt des packenden Refrains "Oh-oh Techno-Leben, Mitsu-bishi wu wu wu".
Sind schon skurril, die Japaner. Und ihre Sitten und Gebräuche sind, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Also muss man sich gewöhnen: Mit eben dieser Einstellung geht Niall Murtagh an seinen Job als "Salaryman", als Angestellter im Mitsubishi-Konzern. Wobei Murtagh trotz aller guten Vorsätze nicht so kreuzbrav daherkommt wie seine japanischen Kollegen. Schließlich ist er gebürtiger Ire, ein Weltenbummler zudem, dem nichts ferner zu liegen scheint als die lebenslängliche Jobgarantie mitsamt der Vollkaskomentalität.
Hier der unangepasste, hyperindividualisierte Europäer, dort der überangepasste, stromliniengefönte Japaner. Zwei Welten treffen aufeinander, und vom ersten Tag an ist klar: Der Japaner hat das Sagen, und der Europäer hat sich anzupassen. Darin liegt der Reiz von Niall Murtaghs Rückblick auf seine Jahre bei Mitsubishi, "Blauäugig in Tokio".
Die flott aufgeschriebene Geschichte verläuft parallel in drei Strängen. Im Vordergrund steht Murtaghs Befremden, von seinem Arbeitgeber behandelt zu werden wie ein unmündiges Kind. Wenn er mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen will, um ein Beispiel zu nennen, muss er einen Antrag einreichen (der gewährt wird unter dem Vorbehalt, dass Fahrradfahren mit aufgespanntem Regenschirm untersagt sei). Ja, das gibt einige Schmunzler her.
Oh, wie fremd kommt er sich vor in dieser geschlossenen Welt, der Atlantiksegler und Lateinamerikadurchquerer Murtagh. Oh, wie subtil wirken dennoch die Reize Japans auf ihn.
So sehr sich der irische Salaryman auch dagegen wehrt, er entpuppt sich als Hans Castorps entfernter Vetter im Geiste. Der wird in Thomas Manns "Zauberberg" in das Lungensanatorium in Davos eingewiesen und ergibt sich widerstandslos der entmündigenden Rundumversorgung. Den von den Kollegen zu "Muruta-san" japanisierten Murtagh ergeht es bei Mitsubishi kaum anders. Bequemlichkeit hat ihren Reiz. So sehr Muruta-san das zu verbergen trachtet: Wir erleben die Zähmung des gar nicht so widerspenstigen Individualisten. Ab und zu löckt der blauäugige Salaryman zwar wider den Stachel, aber das hat eher mit dem dritten Handlungsstrang zu tun.
Der heißt Mitsubishi. Der japanische Konzern wird über dieses Buch kaum erfreut sein. Mangelnde Effizienz und verschwendete Energien, die Murtagh ausführlich beschreibt, die gibt es bei der Konkurrenz auch. Aber Murtagh porträtiert Mitsubishi mitleidslos als einfallslosen und feigen Nachmacher, bei dem alles Handeln unter dem Motto "Bloß kein Risiko!" steht. Das hat etwas von Beamtenmikado auf Japanisch.
Vor zwei Jahren hat Niall Murtagh seine lebenslängliche Arbeitsplatzgarantie aufgegeben und gekündigt. Er hat keine Aufstiegschancen mehr gesehen. Auch bei Mitsubishi gibt es eine gläserne Decke, und die hängt für Ausländer - so hat es Murtagh empfunden - besonders tief.
Seit seiner Kündigung gibt es bei Mitsubishi keinen einzigen nichtasiatischen Salaryman mehr. Über seinen Weggang, mutmaßt Murtagh, sind die meisten seiner Kollegen froh: Denen brach auch nach Jahren noch der kalte Schweiß aus, wenn sie sich mit ihrem Kollegen Muruta-san unterhalten sollten.
Blauäugig in Tokio. Meine verrückten Jahre bei Mitsubishi Niall Murtagh | Econ 2006 | 291 S. | 16 Euro | ISBN 3430200024.

Muruta-san
Irland Der Ire Niall Murtagh reiste nach seinem Universitätsabschluss sechs Jahre durch die Welt. Ein Promotionsstudium führte ihn nach Tokio. Nach dessen Abschluss nahm er ein Jobangebot bei Mitsubishi an.
Japan Murtagh - japanisch aus-gesprochen "Muruta" - ist mit einer Japanerin verheiratet und hat zwei Söhne. Auch nach seiner Kündigung bei Mitsubishi ist er in Japan geblieben.
  • Aus der FTD vom 05.09.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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