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Neue Ideen zur Unternehmensführung, wirtschaftspolitische Analysen oder Porträts von Firmen und Entscheidern: FTD-Online stellt in ausführlichen Rezensionen die interessantesten Wirtschaftsbücher auf dem deutschen und dem englischsprachigen Buchmarkt vor.

Merken   Drucken   28.01.2007, 11:33 Schriftgröße: AAA

Altes Geld in neuen Schläuchen  

In Geldgeschäften ist die Dynastie der Rothschilds seit Generationen nüchtern und diskret. Wenn es aber um Wein geht, erwacht die Leidenschaft. von Sven Nagel
Als Mayer Amschel Bauer am 21. September 1769 ein Schild an die Fassade seines Hauses in der Frankfurter Judengasse anbringen ließ, dachte er nicht an Rotwein. Der 25-Jährige wollte seinen Titel und seine Dienstleistungen anpreisen. Auf dem Schild stand: "M. A. Rothschild, Hoflieferant Seiner Ehrlauchten Hoheit, Erbprinz Wilhelm von Hessen, Graf von Hanau". Der junge Hoffaktor verwies damit nicht nur auf seinen Status als fürstlicher Münz- und Medaillenlieferant, sondern auch auf seine Herkunft aus dem Haus Rotes Schild im Frankfurter Judengetto. Mayer Amschel Rothschild begründete an diesem Septembertag ein Familienfinanzimperium, wie es die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte.
Noch vor Amschels Tod 1812 vergaben die Rothschilds bereits Kredite an Königshäuser, um Kriege und andere Staatsgeschäfte zu finanzieren, und gehörten zu den reichsten Familien Europas. Der Patriarch hatte seine fünf Söhne schon früh in die Familiengeschäfte eingeweiht. Er sandte sie nach Wien, London, Paris und Neapel, wo sie Zweigniederlassungen des Stammhauses gründeten. Nach dem Tod ihres Vaters stiegen die Söhne zu den führenden Bankiers Europas auf, jeder eng verflochten mit den Monarchen und Regierungen seines Landes. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Macht der Rothschilds ihren Zenit erreicht. Sie finanzierten ganze Industrien, Eisenbahnen und den Bau des Sueskanals, ließen sich adeln, bauten Schlösser, gründeten Logen und sammelten Kunstschätze. Von Anfang an kämpfte die jüdische Familie gegen antisemitische Anfeindungen und Verschwörungstheorien, die Rothschilds hätten, über Geheimbünde und Illuminaten die Weltherrschaft angestrebt und Kriege angezettelt.
1853 startet ein prägendes Kapitel der Familiengeschichte: Nathaniel de Rothschild, kauft das Weingut Château Brane-Mouton in Pauillac am Ufer der Gironde bei Bordeaux. Das heutige Château Mouton-Rothschild ist eines von fünf Gütern im Médoc, die ihren Rebensaft als Premier Cru Classé - die Königsklasse des französischen Weins - bezeichnen dürfen. In diese Riege gehört auch das benachbarte Château Lafite-Rothschild, das Amschels Sohn Baron James de Rothschild, 1886 erwarb, um mit seinem Neffen Nathaniel gleichzuziehen.
"Für Kenner zählen die Erzeugnisse beider Châteaux zu den besten Rotweinen der Welt", schreibt Joachim Kurz, "und das hängt nicht allein mit der unbestrittenen Qualität der Gewächse zusammen, sondern auch mit dem Glanz des Namens ihrer Eigentümer." Kurz hat die Geschichte der Familie durch das Rotweinglas beleuchtet. Ihm gelingt eine ausgewogene Cuvée aus Familiensaga, Bank- und Weinhistorie.
Die Weingüter, schreibt der Journalist in "Die Rothschilds und der Wein", repräsentierten eine andere Seite des Clans. Während die Geldgeschäfte nüchtern und diskret ablaufen, ist die Geschichte ihrer Weingüter von Leidenschaft und Rivalität geprägt. Das Gut Mouton erhält nämlich bei der Pariser Weltausstellung 1855 zunächst nicht den Rang eines Premier Cru zugesprochen wie die Weine des Nachbarguts Lafite, sondern wird in die zweite Klasse verwiesen.
Eindrucksvoll schildert Kurz den Kampf des Barons Philippe de Rothschild, der Château Mouton 1922 von seinem Vater Henri übernimmt und ihm buchstäblich sein Etikett aufklebt. Philippe düpiert die Weinhändler des Bordelais, indem er seine Weine selbst auf Flaschen zieht und so das Qualitätsmerkmal der Château-Abfüllung einführt. Er nummeriert die Flaschen, versieht sie mit seiner Unterschrift, lässt Künstler wie Picasso oder Dalí die Jahrgangsetiketten bebildern und schafft es, nach fast einem halben Jahrhundert beharrlichen Insistierens, von der zweiten Klasse in die der Premier Cru aufzusteigen. Ein historisch einmaliger Vorgang, offiziell bestätigt am 21. Juni 1973 durch den damaligen Landwirtschaftsminister Jacques Chirac. Philippe hat sein Lebensziel erreicht und macht weiter.
Die nächste Revolution ist das Joint Venture zwischen Château Mouton und dem kalifornischen Weinkönig Robert Mondavi, das aus Napa-Valley-Reben in Mouton-Fässern seit 1979 Weltklasseweine keltert. Als Philippe 1988 stirbt und seine Tochter Philippine de Rothschild-Sereys die Leitung des Guts übernimmt, hatte der hartnäckige Patron mit unzähligen Innovationen im Weinbau und in der Vermarktung der edlen Tropfen die Rothschilds auch auf diesem Gebiet an die Weltspitze gebracht.
Die Rothschilds und der Wein Joachim Kurz | Econ 2006 | 283 S. | 24,90 Euro | ISBN 978-3430300056.
  • Aus der FTD vom 28.01.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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