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  FTD-Serie: Wirtschaftsbücher

Neue Ideen zur Unternehmensführung, wirtschaftspolitische Analysen oder Porträts von Firmen und Entscheidern: FTD-Online stellt in ausführlichen Rezensionen die interessantesten Wirtschaftsbücher auf dem deutschen und dem englischsprachigen Buchmarkt vor.

Merken   Drucken   08.11.2005, 18:56 Schriftgröße: AAA

Auf dem Weg nach oben  

Wer in China erfolgreich sein will, darf sich nicht zu viel auf seine Strategie oder sein Können einbilden. Entscheidend ist es, Gelegenheiten zu erkennen und dann sofort loszulegen. von Geoffrey Owen
Vor 14 Jahren reiste der taiwanische Geschäftsmann Wei Yin-heng per Bahn nach Peking. Als er eine Packung aus Taiwan mitgebrachter Instantnudeln öffnete, machte das Aroma die Mitreisenden neugierig. Wei ließ sie probieren und erkannte: Zwischen den schlecht verpackten Nudeln kleiner chinesischer Produzenten und den teuren und guten Importnudeln tut sich eine große Lücke auf. Was fehlte, waren gute Nudeln zu einem erschwinglichen Preis. Wei und sein Bruder stellten ein Werk auf dem Festland auf die Anforderungen um und brachten, begleitet von einer massiven Fernsehwerbekampagne, Master Kong auf den Markt. Drei Jahre später verkaufte Ting Hsin, das Unternehmen der Familie Wei, mehr als drei Millionen Packungen Nudeln. Täglich.
Donald Sull von der London Business School nutzt solche Fallstudien, um Richtlinien für Unternehmer zu entwickeln, die in schwierigen und unberechenbaren Märkten tätig sind. Die Lehre von Master Kong lautet beispielsweise: Wer im chinesischen Markt erfolgreich sein will, muss in das Umfeld eintauchen, Gelegenheiten erkennen und dann sofort mit Volldampf loslegen.
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der strategische Dreiklang von Position, Ressourcen und Kompetenz in Ländern wie China wenig taugt. Dort schützt auch der beste Plan nicht vor unerwarteten Wendungen in der Regierungspolitik. Es gilt stattdessen das Prinzip "Versuch und Irrtum", allerdings mit der Vorgabe, aus den Fehlern bitteschön zu lernen.
In "Made in China" weisen Sull und Co-Autor Yong Harry Wang darauf hin, dass die meisten Unternehmen verschiedene Geschäftsmodelle ausprobieren, bis sie eines finden, das auf die Ansprüche der Kunden eingeht und finanziell sinnvoll ist. Haben sie es gefunden, ist rasches Handeln angesagt.
So wie der Programmierer Wang Zhidong, der ein mäßig erfolgreiches Softwareunternehmen in Chinas führendes Internetportal Sina umgewandelt hat, rechtzeitig vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich. Sinas Berichterstattung über das Turnier zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Noch bekannter wurde die Website, als sie 1999 darauf noch vor den offiziellen Nachrichtenagenturen von der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Jugoslawien berichtete.
Sina investierte ins Internet, kurz bevor der Markt in China zu boomen begann und sich ein anderer als Marktführer etablieren konnte. In Märkten mit mächtigen Platzhirschen ist Timing aber noch wichtiger.
So auch im chinesischen PC-Markt. Yang Yuanqing und seine Kollegen bei Legend (heute Lenovo) erkannten früh, dass IBM, Compaq und andere ausländische Anbieter ältere Modelle teuer in China verkauften. Als Intel 1996 auf den Pentium-Prozessor umstellte, sah Legend seine Chance gekommen. Das Unternehmen bot als erstes Pentium-PC an und verkaufte sie zu niedrigem Preis. Am Jahresende hatte Legend IBM überholt, und drei Jahre später war es Marktführer. Dieses Jahr hat es die Hardware-Abteilung von IBM übernommen.
An Ehrgeiz und Talent mangelt es den chinesischen Unternehmen also nicht. Sull zufolge haben die Turbulenzen der 60er und 70er Jahre einen positiven Effekt. Die Kulturrevolution führte zu einer De-facto-Dezentralisierung des wirtschaftlichen Entscheidungsprozesses und brachte eine Generation von Unternehmern hervor, die harte Arbeit und Unannehmlichkeiten gewöhnt sind.
Die Frage stellt sich nun, ob diese neue Generation erreichen kann, was japanische Unternehmer nach dem Zweiten Weltkrieg vollbracht haben, ob sie Fachkenntnisse entwickeln kann, mit denen sie die Konkurrenz aus dem Westen überholen kann. Einige der in diesem Buch beschriebenen Unternehmen, wie Lenovo, Haier (Haushaltsgeräte) und Galanz (Mikrowellen), machen sich bereits heute in Exportmärkten bemerkbar.
Sull gibt keine Prognosen, handelt auch die Rolle der Behörden nur oberflächlich ab. Doch "Made in China" ist ein lesenswerter Ratgeber darüber, was chinesische Unternehmer antreibt. Sie zu unterschätzen wäre ein verhängnisvoller Fehler.
Made in China - What Western Managers Can Learn from Trailblazing Chinese Entrepreneurs Donald Sull, Yong Harry WangHarvard Business School Press 2.005.231 S.35 $ ISBN 1591397154.
Geoffrey Owen ist Senior Fellow am Institute of Management an der London School of Economics.
  • Aus der FTD vom 09.11.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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