Ein alarmierendes Zeichen, meinen Philippe Rothlin und Peter Werder. Der Kollege scheint unter einer ernsthaften, lange ignorierten Berufskrankheit zu leiden - dem Boreout-Syndrom: Befallen von tödlicher Langeweile, tut er alles dafür, dass es keiner merkt. Schlimmer noch: Er weiß selbst nicht, dass ihn die Langeweile ausgebrannt hat. Doch nun naht Hilfe: In ihrem Buch "Diagnose Boreout" schreiben die beiden Schweizer Unternehmensberater nicht nur, wie man sich die Krankheit einfängt, sondern wie man sie auch wieder loswird.
Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Verantwortung und Eigeninitiative sind die Mittel, mit denen Boreout behandelt wird. Denn "Ausgelangweiltsein", so lässt sich der kleine Bruder des Burnouts übersetzen, ist nicht einfach Faulheit: "Wer an Boreout leidet, ist faul gemacht worden." Weil sein Chef ihm zu wenig zutraut und zu wenig Verantwortung gibt. Überträgt man dem Betroffenen eine anspruchsvollere Aufgabe, stellen die Autoren schlagartige Heilung in Aussicht. Nur leider verschließen sich die Kollegen hartnäckig dem Erkennen. Und da Müßiggang ein Tabu ist, wird Arbeit simuliert, Stress vorgetäuscht. Es ist der Anfang eines Teufelskreises von Desinteresse, Nichtstun und konservierenden Strategien - der Unternehmen Millionen kosten kann.
Mehr als 100 Gespräche haben Rothlin und Werder mit den Gelangweilten der Schreibtische geführt, um die Symptome einer "weitverbreiteten" Erkrankung zu beschreiben. Beim Leser drängt sich zuweilen der Eindruck von Langatmigkeit auf, als hätten sie sich bei ihren "Patienten" angesteckt. Schnellschalter hätten die Problematik inklusive Lösungsansatz sicher auch nach 60 statt 131 Seiten begriffen. Dass die Kurzweil zu kurz kommt, liegt vor allem an den beiden Protagonisten Alex und Erika, die den Boreout-Schlamassel verkörpern sollen. Sie sind als absolute Antihelden eine Zumutung für alle Strebsamen.
Dennoch - das Thema ist eine Offenbarung. Wer hätte vermutet, dass in einer Arbeitswelt, in der alle unter Globalisierungs- und Leistungsdruck stehen, Langeweile und Unterforderung so ausgiebig Platz haben? Nach der Lektüre wird man Mitarbeiter, Kollegen und sich selbst mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Und sich an die alte Weisheit erinnern, dass Menschen materielle und immaterielle Erfüllung im Job suchen. "Das ist kein Entweder-oder", sagen die Autoren und raten jedem, sich daran schon bei der Berufswahl zu orientieren. Und wer ganz sichergehen will, niemals an Boreout zu erkranken, sollte Schreibtische meiden und lieber ins Handwerk, die Werkshalle, den Gartenbau oder die Chirurgie wechseln: Denn "so tun als ob" ist dort schwer.