Gegen Josef Ackermann, der vielen als Prototyp Menschen verachtender Profitgier gilt, kommt Alfred Herrhausen daher wie eine Lichtgestalt. Jemand, der dafür plädiert, armen Ländern ihre Schulden zu erlassen. Jemand, der die Banken in sozialer Verantwortung sieht. Jemand auf demselben Posten wie Ackermann: Chef der Deutschen Bank.
Good Banker, Bad Banker: Was ließe sich daraus machen! Nicht viel, befindet Andreas Platthaus. Er weicht simplen Antworten aus und macht sich für seine Biografie auf den steinigen Weg, den Menschen Alfred Herrhausen zu verstehen, seine Antriebsfedern und Motive.
Das ist ein wagemutiges Unterfangen. Es beginnt mit der Reise in die Vergangenheit des Biografen. Im selben Jahr, als Herrhausen zum Vorstandssprecher gewählt wurde, begann Platthaus eine Lehre als Bankkaufmann bei der Deutschen Bank. Ihm ist "gut in Erinnerung geblieben, was für Hoffnungen vor allem die jungen Mitarbeiter damals an die Persönlichkeit ihres neuen Sprechers geknüpft haben. Er war ein Mythos zu Lebzeiten."
Diesen Mythos will Platthaus, heute stellvertretender Feuilletonchef der "FAZ", an der Realität überprüfen. Leicht macht Herrhausen es ihm nicht.
Der Versuch, die Privatperson zu schildern, muss scheitern bei einem Mann, der mit Kollegen keinen privaten Umgang pflegte und "sein umfassendes Kontrollbedürfnis und Imagebewusstsein" nutzte, um sein Privatleben abzuschirmen. Vielleicht hätte seine Witwe, hätten seine Töchter die Mauer des Schweigens niederreißen können, doch sie haben offenbar nicht mit Platthaus gesprochen.
Anderen gegenüber waren sie offener. Für den Film "Black Box BRD" etwa ließ sich Herrhausens Witwe Traudl vor einigen Jahren interviewen. Aus vielen Details und Einzelheiten ergibt sich das Bild eines Menschen voller Energie, voller Ziele und ebenso voller Zweifel. Ein Mensch, der haderte und suchte.
"Black Box BRD" ist ein Versuch, diesen Mann zu begreifen. Es ist zugleich der Versuch, seinen mutmaßlichen Mörder zu begreifen.
Das Leben Alfred Herrhausens endet am 30. November 1989, als eine Bombe der Roten Armee Fraktion (RAF) den Mercedes zerstört, in dem Herrhausen sitzt. Eine Hauptschlagader wird zerfetzt, er verblutet. Die Täter sind bis heute nicht gefasst. Einer von ihnen soll Holger Grams gewesen sein, der später von der Polizei erschossen wurde.
Das Infame an diesem Mord: Indem Herrhausen zum Opfer wird, gerät er im öffentlichen Bewusstsein unter Verdacht, selbst Täter gewesen zu sein. Hätte die RAF einen Unschuldigen getötet? So wird Herrhausens Ruf noch nach seinem Tod beschädigt. "Black Box BRD" hat das gerade gerückt. Der Film zeigt Grams als Rebellen, der irgendwann irgendwelchem Gruppendruck nicht widersteht. Ein Mitmacher.
Alfred Herrhausen ist kein Mitmacher. Das zeigt sein Biograf, indem er tiefer gründelt. Platthaus analysiert Herrhausens Reden und Vorträge, analysiert seine Doktorarbeit. Woran hat Herrhausen sich abgearbeitet, welches Menschenbild hatte er? Was verlangte er von der Wirtschaft, was von der Politik?
Platthaus arbeitet heraus, warum der Eliteschüler der "Reichsschule Adolf Hitler" sich zum glühenden Verfechter der Demokratie entwickelte. "Gerade weil er geglaubt hatte, man würde ihm aus seiner Vergangenheit einen Strick drehen, wirkte der Beweis des Gegenteils auf ihn wie die Bestätigung der von der neuen Demokratie erhobenen Behauptung, von nun an herrsche Chancengleichheit für alle."
Herrhausen hat aus seiner Zeit an der NS-Kaderschmiede nie ein Hehl gemacht. Er habe "aus diesen drei Jahren keinen Schaden, sondern eine ganze Menge an preußischen Tugenden mitgenommen", betonte Herrhausen später, darunter die "Freude an der Arbeit".
Diese Arbeitsfreude lebte er anfangs nicht in einer Bank aus: Erste berufliche Station war Ruhrgas, die zweite die Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW), wo sein Schwiegervater - Herrhausen hatte im Alter von 23 Jahren geheiratet - Generaldirektor war. Dort machte er Karriere, rückte 1967 in den Vorstand auf und fiel der Hausbank der VEW auf, der Deutschen Bank. Die holte ihn 1970 in den eigenen Vorstand. Herrhausen war ein Manager, der von der Bank kam und zugleich ein Banker, der wie ein Manager dachte. Das war ungewohnt damals.
1985 wurde Alfred Herrhausen zum Vorstandssprecher der Deutschen Bank gewählt. Damit war er nicht am Ziel, sondern am Anfang. Der neue Chef machte sich zur Aufgabe, das in Selbstgefälligkeit verkrustete Haus zu renovieren, und zwar von Grund auf. Ausführlich zeichnet Platthaus nach, wie Pfründeverteidiger und Bedenkenträger den Modernisierer auflaufen ließen. Dabei wird deutlich, wie wenig Herrhausen als Gegenentwurf zum Nach-Nach-Nachfolger Ackermann taugt. Ob Investmentbanking, Globalisierung oder interne Strukturen - auffällig oft liegen die beiden auf einer Linie.
Herrhausen hat sich nicht durchsetzen können, weder bankintern mit seiner Revolution von oben noch mit seinem Vorstoß zum Schuldenerlass. Wer will, kann Parallelen zu heute ziehen: Wie viel Aufbruch verträgt eine Bank, wie viel Aufbruch verkraftet ein Land? Josef Ackermann könnte darauf eine Antwort geben.
Alfred Herrhausen Andreas Platthaus | Rowohlt 2006 | 301 S. | 19,90 Euro | ISBN 3871345326