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  FTD-Serie: Wirtschaftsbücher

Neue Ideen zur Unternehmensführung, wirtschaftspolitische Analysen oder Porträts von Firmen und Entscheidern: FTD-Online stellt in ausführlichen Rezensionen die interessantesten Wirtschaftsbücher auf dem deutschen und dem englischsprachigen Buchmarkt vor.

Merken   Drucken   23.08.2005, 18:13 Schriftgröße: AAA

Die abgebrochene Dynastie  

Ernst Sachs war ein einfacher Mechaniker, Nachkomme von Tagelöhnern im schwäbischen Schnürpflingen. Ein Tüftler, der sich mit Fahrradnaben und Kugellagern beschäftigte und damit reich wurde. Ernst Sachs war ein selbstbewusster Mechaniker: Eine Dynastie wollte er gründen. Der Name Sachs sollte Widerhall finden in Deutschland. von Andreas Kurz
100 Jahre später ist das gelungen, aber anders als vom Firmengründer gewünscht. "Beim Namen Sachs denkt heute fast jeder an Gunter Sachs", schreibt Wilfried Rott in seiner Familienbiografie "Sachs - Unternehmer, Playboys, Millionäre". Dominierend schiebe sich das Bild das Playboys Gunter Sachs vor das seiner Familie. Der Enkel des Gründers hat wenig Sinn für das großväterliche Unternehmen gezeigt. Eine Ehe mit Brigitte Bardot erschien im reizvoller.
Die Ehe mit BB, das ist Allgemeinwissen, scheiterte. Das passt ins Bild, denn die Geschichte der Sachs' zeigt generell einen Zug ins Tragische. Wilfried Rott, früher Abteilungsleiter beim Kulturfernsehen beim RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) hat sich in Archive begeben, mit Zeitzeugen gesprochen und die einschlägige Literatur studiert. "Mit Unterstützung der Familie Sachs konnte nicht gerechnet werden", schreibt er. Ein Sachs suche die Öffentlichkeit nur, wenn es seiner ausgeprägten Persönlichkeit auch etwas bringt.
Da ihm exklusive Informationen vorenthalten werden, kommt Wilfried Rott nicht umhin, die Familienlegenden wieder aufzuwärmen. So beginnt die Historie damit, wie ein junger Mechaniker an einem dieser neuartigen Fahrzeuge vorbeikommt, die sich ohne Pferde fortbewegen und hinten einen Motor haben. Das Automobil war mit einer Panne liegen geblieben. Der Mechaniker hieß Ernst Sachs, der Autofahrer - wie es sich für eine Legende gehört - Gottlieb Daimler. Beherzt schmiedete der junge Sachs einen Bolzen für die gerissene Kette. Daimler bedankte sich mit 20 Pfennig. Der junge Ernst konnte außer der Belohnung noch die Erkenntnis mitnehmen, schreibt Rott, "dass sich in der Automobilbranche als Zulieferer gut Geld verdienen lässt".
Zu Vermögen kommt Sachs zunächst mit Fahrradnaben. Nicht, weil er sie erfindet, das tun andere. Der boomende Fahrradmarkt wartet auf brauchbare Naben, die in Massenproduktion hergestellt werden können. Der Tüftler Sachs kombiniert die Nabe mit einer Rücktrittbremse und erobert mit ihr den Weltmarkt. Vor allem gibt er ihr einen zündenden Namen, mit dem er im marinetrunkenen Kaiserreich sein Marketing-Talent beweist: die Torpedo-Nabe.
Die Firma wächst rasant. 1905, nur zehn Jahre nach der Gründung, werden 1800 Menschen beschäftigt, die 382.000 Naben im Jahr produzieren. Sachs entwickelt die Kugellager-Technik immer weiter, lässt mehr als 100 Patente eintragen. Einige Jahre später benutzen bei fast jedem Auto- und Radrennen die Sieger die Kugellager von Sachs.
Für dynastische Kontinuität soll Sohn Willy sorgen, der mit Elinor von Opel verheiratet wird. Doch der handfeste Willy, der auf Feiern auch mal mit einer Sennerin ringt, zeigt laut Rott nicht nur im Wald, sondern auch in der Stadt ein "universelles Pirschverhalten". Willy Sachs' schwer fassbare Persönlichkeit nimmt den meisten Raum in dem Buch ein. Zwar steigert der Sachs-Sohn die Umsatzrendite während des Zweiten Weltkriegs auf rund 20 Prozent. Doch es ist ein Pakt mit dem Teufel, insbesondere mit der SS und deren Chef Heinrich Himmler. Es ist dem Autor wohl zuzustimmen, wenn er Sachs' NS-Verstrickungen mit einem nicht ungefährlichen Mix aus Opportunismus, Spontaneität und Naivität erklärt.
Spannend schildert Rott das Entnazifizierungsverfahren, dessen Verwicklungen Willy Sachs später in den Selbstmord treiben. Es ist einer der Höhepunkte in dem Buch, das ohnehin ansprechend und mit geschmeidiger Ironie geschrieben ist.
Doch Rott will mehr als Anekdoten schildern. Sein Anliegen besteht darin, hinter der dominanten Gestalt des "letzten und einzig wahren Playboys" Gunter Sachs den Unternehmer zu finden. Auch wenn Belege, außer Beobachtungen aus zweiter Hand, kaum aufzutreiben sind. Immerhin habe Sachs bei der Veräußerung seiner Firmenanteile rund 70 Mio. DM zusätzlich erzielt, schreibt Rott, weil er sie ab 1967 scheibchenweise und nicht im Stück verkauft hat.
Als Geschäftsmann wird sich Sachs dennoch nicht einprägen. Damit stellt sich die Frage, was von der Familie bleiben wird. Das Hobby des heute 72-jährigen Gunter Sachs, die Astrologie empirisch und mathematisch belegen zu wollen, wohl kaum. Eher wohl die Schwarzweißfotos aus den 60er Jahren. Sie zeigen Gunter Sachs an der Seite von Brigitte Bardot: kein Gedanke an Fahrradnaben, kein Gedanke an Dynastien.

Sachs - Unternehmer, Playboys, Millionäre Wilfried Rott Karl Blessing Verlag 2005, 384 S., 21,90 Euro, ISBN 3896672703.
  • Aus der FTD vom 24.08.2005
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