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  FTD-Serie: Wirtschaftsbücher

Neue Ideen zur Unternehmensführung, wirtschaftspolitische Analysen oder Porträts von Firmen und Entscheidern: FTD-Online stellt in ausführlichen Rezensionen die interessantesten Wirtschaftsbücher auf dem deutschen und dem englischsprachigen Buchmarkt vor.

Merken   Drucken   31.05.2005, 18:34 Schriftgröße: AAA

Die Freiheit stirbt mit Sicherheit  

Beim Kampf gegen den Terrorismus werden selbst Gummibärchen zur ernsten Gefahr. Schließlich können sie eine erkennungsdienstliche Methode sabotieren. Biometrische Fingerabdruck-Lesegeräte sollen an Flughäfen Terroristen von Touristen scheiden. von Andreas Kurz
Wenn da nicht die Gummibärchen wären, schreibt der schwedische IT-Spezialist Pär Ström in seinem Buch "Die Überwachungsmafia". Ein japanischer Chiffrierfachmann wies nach, dass man nur eine Digitalkamera und eine Kupferplatte aus dem Heimwerkerladen benötigt, um einen Fingerabdruck dreidimensional zu kopieren. Den drücke man in Gelatine, die Grundmasse von Gummibärchen - und schon lassen sich vier von fünf Lesegeräten von dem Zweitfinger täuschen. Der Abdruck eines Fremden in einer Bar oder einem Flugzeug reicht, und schon gerät der Falsche in Verdacht.
"Gerade dieser übertriebene Glaube an die Sicherheit der Biometrie ist es, der die neuen Methoden der Identitätskontrolle so fragwürdig erscheinen lässt", schreibt Ström. Solch ein Wettrüsten sei zwar legitim, weil der Staat die Sicherheit seiner Bürger garantieren wolle. Nebenbei fallen aber unglaublich viele und immer genauere Daten an. Was der Staat nicht sammelt, das erledigen Unternehmen, die sich Aufschluss über ihre unberechenbaren Kunden erhoffen. Missbrauch inklusive.
In den USA reichert ein Unternehmen die Kundendaten von Ladenketten mit Angaben aus externen Datenbanken zu Lebensstil und Persönlichkeitstyp an. Das fertige Datenpaket wird als "Penetrationsprofil" verhökert, schreibt Ström. "Wer hier penetriert wird, ist natürlich der Kunde."
Die Polizei penetriert gern mit. Nach den Attentaten des 11. September musste ein Geschäft die Einkaufsdaten eines der Flugzeugentführer abliefern, weil der häufig dort eingekauft hatte. Die Polizei wollte damit das "Essprofil" eines Terroristen erstellen. Dumm für jeden, der gern das Gleiche isst.
Immer mehr Terroristenprofile, so Ström, standardisieren gleichzeitig das Verhalten von Normalbürgern. Individualisten werden verdächtig, die Unschuldsvermutung umgedreht. Wer von der Norm abweicht, also seinen Flug statt mit Kreditkarte in bar bezahlt, könnte ja auch ein Terrorist sein.
Länder wie Großbritannien und die USA stehen an der Spitze der Bewegung, wie Ströms Buch zeigt. Allein auf den Britischen Inseln sind zwischen 1,5 und zwei Millionen Überwachungskameras installiert. Amerikanische Unternehmen bieten Mikrochips an, kaum größer als ein Reiskorn, die für nur 200 $ unter die Haut implantiert werden können. Diese "eindeutigen Identifikatoren" senden per Satellitensystem GPS die persönlichen Daten ihres Trägers und sind vorgesehen für Personal, das in speziellen Sicherheitsbereichen arbeitet. Noch.
Schon preist die Firma den Chip Vielfliegern an, die damit ihre Abfertigung am Flughafen beschleunigen können. Und in Großbritannien führte der Mord an zwei kleinen Mädchen dazu, dass Eltern ihre Kinder "chippen" ließen. "Ein gestohlenes Auto kann mit Hilfe eines eingebauten Computers wiedergefunden werden. Warum sollte man das gleiche Prinzip nicht auch bei Kindern anwenden?", zitiert Ström die Mutter.
Auf dem Weg in die schöne neue Welt erodiert die Anonymität schleichend. Ström weiß: Sicherheitspolitik ist ein ständiger Kompromiss zwischen totaler Überwachung und dem totalen Schutz der Privatsphäre. Eine Lösung kann auch er nicht anbieten. Aber er liefert Er fordert eine öffentliche Diskussion darüber, dass der Kompromiss langsam Schlagseite bekommt - hin zur totalen Überwachung: "Wie viele Flugzeuge müssten pro Jahr entführt werden, bis wir akzeptieren würden, einen GPS-Navigator in unserem Körper eingepflanzt zu bekommen?"
Längst ist vieles nicht mehr nur Zukunftsmusik. Deshalb konnte Ström viele seiner Informationen auf Unternehmensseiten im Internet recherchieren.
Er bleibt dort im Ungefähren, wo er sich mit IT-Sicherheit und dem US-Abhörsystem Echelon befasst. Schließlich gibt es dort kaum bestätigte Erkenntnisse. Etwa sollen sich amerikanische Sicherheitsbehörden Hintertüren in Chiffriercodes und Betriebssystemen offen halten, um geheimen Zugang zu Computern zu erhalten. Alles möglich, doch stützt sich Ström nur auf Indizien, etwa für die Besuche mysteriöser amerikanischer "Berater". Und rutscht dann und wann auch ins Feld der Verschwörungstheorien.
Ström liefert eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem aktuellen Wechselkurs Sicherheit gegen Freiheit. Und fordert eine Diskussion darüber, wie viel Sicherheit wir vertragen, wie viel Freiheit wir uns ertrotzen wollen. Dass viele Kunden sich freiwillig Rabattkarten zulegen, kann aber auch er nicht triftig widerlegen. Die Verbraucher wollten damit Nachteile vermeiden, schreibt der IT-Spezialist. Doch vielleicht wollen sie auch nur möglichst viele Vorteile auf der täglichen Schnäppchenjagd. Geiz ist geil, Privatsphäre nicht so.
Die israelische Firma Nemesysco befindet sich schon jenseits solcher Diskussionen. Sie entwickelt Brillen, in denen eine Lügendetektor-Software integriert ist. Die Brille zeigt Unsicherheit oder Erregung in der Stimme des Gegenübers an. Die "Washington Post" kommentiert: "Möglicherweise stehen die Single-Bars jetzt vor einer Revolution."

Die Überwachungsmafia. Das gute Geschäft mit unseren Daten Pär Ström Hanser 2005, 340 S., 19,90 Euro, ISBN 344622980 9.
Handarbeit
Hacker Sicherheitsvorkehrungen und menschliches Verhalten widersprechen sich grundsätzlich, behauptet der bekannte Hacker Kevin D. Mitnick. In "Die Kunst der Täuschung" (Mitp, 400 S., 19,95 Euro) hat er gemeinsam mit William L. Simon aufgeschrieben, wie Hacker diesen Widerspruch nutzen, um ins Netzwerk von Unternehmen einzudringen.
  • Aus der FTD vom 01.06.2005
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